[Kommentar] Longlist des österreichischen Buchpreises

Der österreichische Buchpreis: 
             Die Longlist

Eigentlich wollte ich mich schon zum deutschen Buchpreis äußern, da mir die Longlist dieses Jahr aber gar nicht zugesagt hat, habe ich das lieber gelassen. Aber da gibt es ja noch den österreichischen Buchpreis. Da ich in Österreich lebe, ist das natürlich auch nahe liegend.
Tatsächlich hat mich die Longlist zum österreichischen Buchpreis nicht enttäuscht. Einige Bücher, auf die ich schon auf der deutschen Liste gehofft hatte, sind nun hier zu finden.

Der österreichische Buchpreis wird übrigens dieses Jahr, das erste Mal vergeben. Dotiert ist er insgesamt mit stolzen 45.000 Euro. Das Preisgeld teilt sich auf auf die Finalisten und den Gewinner des „Debütpreises“ auf. Er kann also zumindest vom Preisgeld her, mit dem deutschen Buchpreis mithalten und ich hoffe dass er auch die mediale Aufmerksamkeit bekommt, die ihm gebührt. Ich fange also gleich einmal damit an und werde berichten. Verkündet wird der Sieger, am Vortag der Wiener Buchmesser „Buch Wien“, am 08.November. Die Shortlist erfahren wir bereits am 11.Oktober.

Als Erstes möchte ich euch die Longlist vorstellen und meine ersten Eindrücke zu den Titeln verraten:

Longlist zum österreichischen Buchpreis:

Ann Cotten: Verbannt!*
Nicht nur Romane sind für den Buchpreis nominiert: mit Ann Cotton geht auch ein „Versepos“ ins Rennen. Ich habe mich gefreut Ann Cotton auf der Liste zu sehen, las ich doch zuletzt von ihr in der aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift Edit. Deshalb war mir ihr Name gleich ein Begriff. Was stellt man sich nun unter einem Versepos vor? Per Definition bedeutet es, dass eine längere Geschichte in Vers-Form erzählt wird. Anne Cotton hat natürlich ihren eigenen Stil und dieser ist markant, herausfordernd und speziell. Sie versteht es ganz meisterlich mit Sprache umzugehen und sie so zu verwenden, dass wir uns fragen, wie sie es überhaupt schafft, ganz artfremde Wörter miteinander zu kombinieren und in Szene zu setzen.
Ich kann die Nominierung gut nachvollziehen und denke, dass viele ihre Art zu Schreiben lieben werden und manche sicher auch nicht. Zumindest hat sie großen Wiedererkennungswert und ich bin sehr neugierig auf ihr Werk.

Daniela Emminger: Gemischter Satz: Novelle*
 Als Nächstes geht eine Novelle an den Start. Gemischter Satz hat nur 100 Seiten und handelt von einer Wienerin, die sich verliebt, nach Berlin zieht, wiederkommt und sich wieder neu verliebt, in Mann Nummer 7. Gemischter Satz, ist eine Geschichte eines Liebesunfalls, so steht es in der Beschreibung. Irgendwie hat mich das Szenerio neugierig gemacht und ich habe einen Blick in die Leseprobe geworfen, nur ganz Kurz, denn die Spannung will ich mir erhalten. Gleich im zweiten Abschnitt der Novelle fällt mir der Satz auf: „Sie merken schon, ein normales Buch wird das nicht“. Und ich muss Schmunzeln. Gut dass uns die Autorin vorwarnt.

Sabine Gruber: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks*

 Mit Daldossi kommen wir nun zu einem echten Roman. Bruno Daldossi ist Kriegsfotograf, aber in die Jahre gekommen und reflektiert nun sein Leben, weil seine Lebensgefährtin ihn verlässt. In diesem Buch geht es um Krieg, Liebe und Journalismus. Vielleicht ist es doch eher ein Essay (liest man in der Beschreibung), vielleicht auch etwas dazwischen, denn der Anfang kommt mir eher vor, wie ein Roman. Ich finde das Thema Journalismus und Kriegsberichterstattung extrem spannend und frage mich, wie Herr Daldossi sein Leben und seine Arbeit rückblickend wahrnimmt und bewertet und natürlich welche Erlebnisse er gehabt hat. Das ist ein echt komplexes und schwieriges Thema und ich bin sehr gespannt, wie es literarisch umgesetzt wurde.  Mit dem Hintergrund, dass Sabine Gruber Politikwissenschaftlerin und Germanistin ist, kann man sicher viel erwarten.

Peter Henisch: Suchbild mit Katze.*
 Suchbild mit Katze, ist die Autobiographie von Peter Henisch. Wir begleiten ihn durch seine Kindheit in der Nachkriegszeit in Wien. Er ist ein Katzenliebhaber und Träumer, bis heute.  Da er schon seit 1971 literarisch tätig ist, mangelt es ihm nicht an Erfahrung. Der Titel ist ausgesprochen interessant für eine Autobiographie und mutet ganz sanft an, so wie seine Liebe zu den Katzen. Mir ist noch nicht ganz klar, ob es alleine um seine Kindheit geht, oder ob der Roman dort anfängt und dann eine längere Zeitspanne betrachtet. Das würde ich gerne noch herausfinden. Interessant ist sicher auch der kindliche Blick, auf die Nachkriegszeit und die Prägungen die daraus entstehen.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald*
 Dies ist der einzige Roman, der sowohl für den deutschen Buchpreis, als auch für den östereichischen Buchpreis nominiert wurde. Demzufolge hat Reinhard Kaiser-Mühlecker gleich zwei Chancen zu gewinnen. Umso mehr ich über diesen Roman lese, umso neugieriger werde ich. Es muss ja etwas dran sein, wenn er gleich auf beiden Listen erscheint, oder nicht? Es geht um zwei Brüder in Oberösterreich, die Rückkehr aus dem Afghanistan-Krieg, Suizid und allerlei Familiengeheimnisse und Tragödien. Ehrlich gesagt sind Familiengeschichten eher nicht so mein Ding, und dieses Buch erscheint mir total überladen mit allerlei schrecklichen Dingen, aber vielleicht sollte man dem Buch einfach eine Chance geben, für sich Selbst zu sprechen. Ganz zauberhaft finde ich übrigens das Cover, auch wenn das nichts über die literarische Qualität aussagt.

 

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut*
 Das Mädchen mit dem Fingerhut, ist ein Mädchen ohne Herkunft. Sie lebt obdachlos in einer Großstadt und niemand weiß wo sie herkommt, sie spricht nicht einmal die selbe Sprache. Sie findet andere Kinder, die so sind wie sie, kommt in ein Heim, läuft wieder weg, lebt am Rand der Gesellschaft, ganz allein und niemand weiß sich zu helfen, mit ihr. Nicht einmal einen richtigen Namen hat sie. Gibt es überhaupt einen Platz für sie in dieser Stadt? Wo kommt sie her und wo gehört sie hin?

Friederike Mayröcker: fleurs*
 Dieses Buch ist ein Gedichtband, oder so Ähnlich. Es enthält Gedichte, die gar nicht aussehen wie Gedichte, sondern eher wie Fragmente. Texte, die vor Poesie strotzen, ganz dicht und voller Intensität, die sich mir jedoch nicht ganz erschließen, auf dem ersten Blick. So ganz verstehe ich nicht die Aneinanderreihung von Sinneseindrücken, springenden Gedanken, französischen Ausdrücken, losen Wörtern und Klammer-Bemerkungen. Was will uns die Autorin damit sagen? Das Buch ist nicht ganz mein Ding, auch wenn ich experimentelle Texte mag. Hier finde ich leider weder einen vollständigen Gedanken, noch ein Thema im Text. Vielleicht muss man sich Zeit nehmen, sich darauf einzulassen.

Anna Mitgutsch: Die Annäherung*

 Für Theo beginnt der letzte Lebensabschnitt und er ist ein Pflegefall geworden. Er findet sich im Krankenhaus wieder und wird sich seines nahenden Todes bewusst. Er reflektiert sein vergangenes Leben und seine Beziehungen und verliebt sich noch ein letztes Mal neu, in seine Pflegerin, was seine Tochter nicht begreifen kann. Es geht um Generationenkonflikte, Kriegsgeheimnisse und eine Spurensuche in der Ukraine. Der Plot bildet ein schönes Konzept mit Themen, die sich gut ergänzen und ineinander übergehen.

Kathrin Röggla: Nachtsendung: Unheimliche Geschichten*
  Kathrin Röggla erzählt unheimliche Geschichten aus unserer Gesellschaft. Denn was gibt es Unheimlicheres, als das echte Leben, mit seinen dunklen Ecken. Es geht um Soziales, Privates und um Politik. Abgründe der Gesellschaft tun sich auf und wir sehen zu. Ich kann mir noch keine Vorstellung darüber machen wie das Ganze umgesetzt ist. Wurde es nun als Roman bearbeitet, stellt es eine Provokation dar, oder geht es einfach nur um relativ alltägliche Geschichten und Beobachtungen? Mit Spannung erwarte ich die Umsetzung, die literarisch sicherlich ganz unterschiedlich bearbeitet werden kann. Das Thema verspricht zumindest viel Potential und ich hoffe, dass es die Autorin auch nutzt.

Peter Waterhouse: Die Auswandernden

Für dieses Buch habe ich leider nicht viele Informationen gefunden. Der Roman handelt von Flucht und dem Neuanfang in Österreich, kann man der Seite des deutschen Buchpreises entnehmen und wurde von der Künstlerin Nanne Meyer illustriert. Eine Leseprobe oder eine nähere Beschreibung habe ich leider vergebens gesucht. Auch auf der Verlagshomepage konnte ich keine genaueren Angaben finden. „In Vorbereitung“ steht dort. Schade, ein bisschen mehr Informationen hatte ich mir schon erhofft, auch wenn das Buch erst am 12.09 erscheint. Das sind immerhin nur wenige Tage.

Des Weiteren gibt es noch die Shortlist für den Debütpreis. Dieser ist Autoren vorbehalten, die in diesem Jahr ihr Debüt gehabt haben. Folgende 3 Titel sind nominiert:

Shortlist für den Debütpreis:

Sacha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun?*
 Ein Essay über eine Familiengeschichte und die Auswirkungen des zweiten Weltkrieges. Sacha Batthyany regt zum Nachdenken an und zeigt die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf.
Die Stärke des Buches liegt darin, diese beiden Ebenen zu verbinden und anhand der eignen Familiengeschichte noch anschaulicher zu machen. Begleitet wird das Buch von seiner Reflexion und der Suche nach den tatsächlichen Begebenheiten. Wir folgen dem Autor auf seine ganz persönliche Auseinandersetzung mit den vergangenen Ereignissen in seiner Familie.

Friederike Gösweiner: Traurige Freiheit*
 Friederike Gösweiner erzählt von der Generation der ca. 30-Jährigen. Die Protagonistin zieht nach Berlin um eine Karriere als Journalistin zu beginnen. Die Freiheit ist groß und grenzenlos, doch nichts will so richtig klappen in ihrem Leben. Die erwartete Sicherheit und Karriere stellt sich nicht ein.

Das Buch interessiert mich, weil ich auch langsam auf die 30 zugehe. Ich würde gerne erfahren, was die Hauptfigur antreibt, denn so ganz erschließt sich mir die Traurigkeit des Buches noch nicht. Vielleicht gehe ich auch zu sehr von mir Selbst aus, denn ich denke, dass vielleicht die Erwartungen sofort nach dem Wechsel in ein neues Land, Karriere, Sicherheit und Liebe zu finden, etwas hoch angesetzt sind. Und auch das Ausbleiben dieser Dinge, sehe ich nicht als riesiges Problem an, oder wie der Klappentext verrät: „Ein Leben jenseits aller Sicherheiten“. Jenseits aller Sicherheit, dass ist für mich irgendwo fern ab, ohne Unterkunft, ohne Existenzminimum, mit dem man sich etwas zu Essen kaufen kann. Aber es hat wohl jeder seine Vorstellungen von sicheren Verhältnissen.  Ich würde gerne wissen wie es weitergeht und ob das Buch seinem Thema gerecht wird.

Katharina Winkler: Blauschmuck*
  Über dieses Buch habe ich mich besonders gefreut und es bildet einen schönen Abschluss für meine Betrachtungen. Eigentlich habe ich bereits gehofft dieses Buch auf der Liste für den deutschen Buchpreis zu sehen. Das sollte allerdings nicht sein. Nun hat es die Chance, doch noch zum Zuge zu kommen. In Blauschmuck erzählt Katharina Winkler von der Gewalt der Männer in einem kurdischen Dorf und dem „blauen Schmuck“ ihrer Frauen, die in diesem gewalttätig geprägten Umfeld leben. Das besondere dabei ist, dass die Autorin in dieser Geschichte Tondbandaufnahmen von einer kurdischen Frau verarbeitet, welche nun in Österreich lebt. Das Buch beruht also auf wahren Ereignissen, trotzdem versucht die Autorin objektiv zu schreiben, so fern dies möglich ist. Sie erhebt nicht den Zeigefinger, sondern bildet die Gesellschaft und ihre Geschichten ab.

 

 

Ich finde die Auswahl der Bücher wirklich gelungen und werde wohl einige davon auf meine Leseliste setzen. Ich bin sehr gespannt, ob die Bücher halten, was sie versprechen und den Erwartungen gerecht werden können, oder ob noch ein paar Überraschungen dabei sind.

Wie findet ihr die Liste zum österreichischen Buchpreis ?

 

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7 thoughts on “[Kommentar] Longlist des österreichischen Buchpreises

  1. Hallo 🙂 von den Büchern habe ich noch kein einziges gelesen, aber einige klingen wirklich interessant. Ich hatte mich bis jetzt nur mit dem deutschen Buchpreis beschäftigt und gar nicht mitbekommen, dass auch einer in Österreich vergeben wird. Bin gespannt, welche Titel es auf die Shortlist schaffen!
    Liebe Grüße,
    Cora

    1. Der Buchpreis wird ein Österreich dieses Jahr zum 1. Mal verliehen.
      Das muss sich sicher auch erst rumsprechen 🙂

      Liebe Grüße, Anja

  2. Eine kleine Anmerkung muß ich jetzt schon machen, denn die Frau Mayröcker ist die Frau Mayröcker, auch wenn sie inzwischen schon von sehr vielen scheinbaren Banalitäten, wie die Rückenschmerzen, das Internet oder die Frühstücksmarmelade, etc schreibt.
    Ich gehe davon aus, daß sie den Preis gewinnt, eigentlich muß das so sein, wenn schon der aus Stockholm nicht kommt.

    1. Liebe Eva,
      Gut möglich dass sie gewinnt. Ich gönne es natürlich Jedem 🙂
      Man hat halt Themen und Schreibstile die Einem nahe gehen und Sachen, von denen man nich so gerne liest. Literatur ist ja immer stark subjektiv. 🙂 Ihr Stil ist zumindest aussergewöhnlich und absolut wiedererkennbar. Das ist ja etwas sehr Gutes. Es ist ein bisschen wie in der Kunst- manche Stile mag man, andere nicht. Das ändert aber nichts daran dass die Künstler herausragende Werke geschaffen haben. Nur erschliest sich dem persönlichen Geschmack das Ganze nicht immer. Ich werde mich aber mal mit der Leseprobe hinsetzen und mir ein bisschen Zeit nehmen,es auf mich wirken zu lassen. Vielleicht muss man erst einen persönlichen Zugang finden. Was mir vielleicht gefallen würde, wäre mir schöne Wörter und Wortgruppen bunt anzustreichen. Andere werden sicher die Hände über den Kopf zusammenschlagen bei dieser Herangehensweise. Ich finde auch die Verwendung von französischen Wörtern sehr schön. Also vom 1. Eindruck hat es sich mir nich erschlossen aber vielleicht beim 2. intensiveren Lesen.
      Danke für deine Links, ich werde es mir ansehen! 🙂

      Liebe Grüße, Anja

  3. Hört man von ihr nicht mehr in der Schule?
    Auf der Uni ist sie, glaube ich, durch die Professoren, die sie sehr verehren dürften, sehr vertreten und ich glaube, sie hat im Laufe der Jahrzehnte ihren eigenen Stil entwickelt, wo sie in ihre assoziative Traumprosa, Lyrik kann man das, woh nicht nennen, obwohl es draufsteht, auch ihre Alltagswehwechen einmischt und dabei in letzter Zeit auch zu ganz banalen Ausdrücken kommt, was von manchen dann auch abgelehnt oder nicht verstanden wird, weil es nicht den gängigen Literaturkriterien entspricht.
    Ich finde, das schon von meinem Brotberuf als Psychologin und Psychotherapeutin sehr spannend, würde mich nicht als FM-Fan bezeichnen und habe auch gar nicht so viel, außer dem „Liebling“ gelesen, war aber bei einigen Veranstaltungen und wohne auch zufälligerweise ziemlich in der Nähe, so daß ich auch das rundherum ein bißchen mitvollziehen kann.
    Ich würde das Versepos der Ann Cotten sehr empfehlen, da war ich bei der „MUSA-Stipendiatslesung“, die hat glaube ich einen sehr originellen Stil.
    Und in Zeiten wie diesen, ist es wahrscheinlich ohnehin empfehlenswerter sich in die österreichische Gegenwartsliteratur als in das politische Geschehen das da rund herum passiert, zu beschäftigen!

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