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[Kommentar] der österreichische Buchpreis 2018

[Kommentar] der österreichische Buchpreis 2018

Wie ihr wisst, macht es mir immer mehr Spaß den österreichischen Buchpreis zu beobachten, als den deutschen Buchpreis, natürlich weil ich in Österreich lebe, aber auch weil ich denke, dass man hier tolle Entdeckungen machen kann, da österreichische Literatur nicht so bekannt ist. Dieses Jahr ist die Longlist richtig interessant für mich. Ich lasse euch an meiner Meinung zu den nominierten Titeln gerne teilhaben. Bitte beachtet, dass meine Einschätzung meine persönliche Meinung ist und auf den Klappentexten und Leseproben beruht, keinesfalls auf der Lektüre der ganzen Werke. Ich habe natürlich meine persönlichen Favoriten und ihr werdet sicher merken, welche das sind.

Nominiert für den österreichischen Buchpreis:

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz (Frankfurter Verlagsanstalt)*

Mareike schreibt in einem wundervoll poetischen Schreibstil über Freundschaft, Verrat und Liebe. Schon in der Kindheit, ist die Freundschaft zwischen Moritz und Raffael nicht ausgeglichen. Raffael ist die treibende manipulative Kraft und scheint eine bösartige Ader zu besitzen. Moritz ist Rafael jedoch treu ergeben. Außerdem hat Moritz eine besondere Fähigkeit. Er ist Synästhet und kann Farben in Auren um die Menschen wahrnehmen: Raffaels Aura ist grün. Nach der Schule trennen sich ihre Wege, doch 16 Jahre später, steht Rafael wieder vor Moritz seiner Tür und diesmal ist seine Aura dunkelgrün, fast schwarz.

Gleich eine Überraschung zu Beginn. Ich war zwar fest davon überzeugt, dass der Roman der großartigen Mareike (die übrigens auch Buchbloggerin ist) auf der Liste auftaucht, aber da es ihr Debüt ist, hatte ich ihn eher beim Debütpreis vermutet. Umso mehr freut es mich, dass sie gleich ins Rennen um “den großen Preis” geht. Und wisst ihr was? Ich denke, dass Mareike gute Chancen hat. Ich würde ihr den Sieg auf jeden Fall wünschen.

Lesen? Definitiv ja.

Milena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie (Verlag Klaus Wagenbach)*

Herr Kato ist ein japanischer Rentner, der nun mit seiner überschwänglichen Freizeit, nicht viel anzufangen weiß. Sein ganzes Leben harter Arbeit gewidmet und ständig unter Strom gewesen, ist Herr Kato nun ganz plötzlich mit der Situation überfordert nicht mehr gebraucht zu werden.

Pluspunkte gibt es von mir für die poetische Sprache, aber leider kann mich das Grundthema nicht so ganz reizen.

Lesen? Jein. Vielleicht an einem Regentag.

Arno Geiger: Unter der Drachenwand (Carl Hanser Verlag)*

Bereits für den deutschen Buchpreis nominiert, taucht Arno Geiger wie bereits erwartet, nun auch auf der Liste des österreichischen Buchpreises auf. Auf die Shortlist in Deutschland hat er es leider nicht geschafft, aber in Österreich ist er meiner Meinung nach, bestimmt mit dabei. Dazu trägt sicher auch der Handlungsort am Mondsee bei, der ein absolut gelungener Schauplatz für dieses Szenario ist. Ein geradezu mythisch und heil anmutender Fleck Erde, an den der Protagonist 1944 zurückkehrt um sich von seinen Kriegsverletzungen zu erholen, ein trügerischer Gedanke, denn im Krieg ist leider gar nichts heil…

Lesen? Unbedingt. Gerne auch an Schulen oder mit Jugendlichen.

Gerhard Jäger: All die Nacht über uns (Picus Verlag)*

Ein Soldat, eine Grenze, ein Wachzaun und ein Mann auf der Flucht in der tiefen Nacht. Stundenlang im Dunkeln auf die Grenze starren, auf Bewegung und Abwechslung hoffen, aber auch gleichzeitig Bewegung fürchten. Das ist der Job eines Grenzsoldaten. Umso mehr Zeit bleibt, für die eigenen Gedanken. Und auf diese Gedanken bin ich wirklich gespannt. Der Klappentext verspricht poetische Reflexionen über die Abgründe der Menschen und das Unrecht dieser Welt. Außerdem bin ich zwar kein Cover-Mensch, aber bei diesem Buch finde ich das Cover großartig gelungen und es spricht mich total an.

Lesen? Unbedingt. Bin sehr neugierig auf die Umsetzung.

Hanno Millesi: Die vier Weltteile (Edition Atelier)*

Ein Anschlag im Foyer eines Museums und der Versuch für die Kinder Normalität vorzutäuschen. Kunstmuseum trifft Kinderfragen und Kulturgeschichte und aktuelle politische/ gesellschaftliche Auseinandersetzung. Ob diese Mischung überzeugen kann? Ich bin etwas skeptisch. Allerdings war ich von den Büchern von Edition Atelier bisher nie enttäuscht.

Lesen? Mal sehen.

Margit Schreiner: Kein Platz mehr (Schöffling & Co.)*

Ein Buch über Platzprobleme. Wir haben zu viel Zeugs. Überall. Margit Schreiner nährt sich literarisch dem Thema Überfluss und Platzmangel an.

Für den Buchpreis erscheint mir das Thema ein bisschen zu lapidar. Oder ist es gerade deswegen nominiert? Das Literarische im Alltäglichen, eigentlich ganz nett. Aber ganz nett und ein bisschen amüsant- für mich reicht das leider nicht.

Lesen? Nein.

Robert Seethaler: Das Feld (Hanser Berlin)*

Robert Seethaler ist spätestens seit “Der Trafikant” nicht mehr aus der österreichischen Literatur wegzudenken und sogar international erfolgreich. Sein Erfolgsgeheimnis? Schwere Themen so einfach und mitreißend erzählen, dass man sie nicht wieder vergisst und jeder sie versteht. So dass man sich beim Lesen denkt: Ja genau so könnte das theoretisch passiert sein. Ich finde das ist wahre Kunst und Literatur.

In seinem neuem Werk, beleuchtet er das Leben von 29 Toten, die von ihren vergangen Erfahrungen erzählen und lässt so fast eine ganze Stadt lebendig werden. 29 verschiedene Leben auf 240 Seiten? Könnte vielleicht ein bisschen viel des Guten sein, aber ich bin gespannt wie Robert Seethaler das umgesetzt hat.

Lesen? Vielleicht.

Heinrich Steinfest: Die Büglerin (Piper Verlag)*

Die Büglerin- Ich mag den Titel, mal etwas ganz anderes. Tonia büßt ihr vorheriges reiches und privilegiertes Leben, durch selbstauferlegte Armut und der Arbeit als Büglerin. Denn als ihre Nichte, die sie zusammen mit ihrer Schwester aufzog starb, nahm ihr ganzes Leben eine Wendung und Tonia lies alles hinter sich. Die Presse verspricht ein skurriles Buch mit einem außergewöhnlichen und humorvollen Schreibstil. Ich bin mir nicht sicher, wie das mit der Grundgeschichte zusammenpassen soll. Ich habe die Vermutung dass der Autor eine andere Auffassung von Humor hat, als ich.
Trotzdem gibt es von mir Pluspunkte für die originelle Berufung der Protagonistin. Ein Roman über das Bügeln? Das macht so schnell keiner nach.

Lesen? Trotzdem eher nicht.

Josef Winkler: Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe (Suhrkamp)*

Da ich bereits das Buch mit dem besten Cover gelobt habe, kann ich an dieser Stelle auch festhalten, dass dies das Cover ist, was mir am wenigsten zusagt. Winkler schreibt hier über den Umstand, dass ein SS-Massenmörder auf einem Feld in dem Heimatdorf des Autors (Kamering) verscharrt wurde. Auf dem selben Feld, wo sein Großvater und sein Vater Getreide anbauten, welches als Nahrung für die Bevölkerung dient. Das Buch befasst sich  mit unbequemen Wahrheiten und dem kollektiven Schweigen.

Ich habe die Leseprobe überflogen und was mir sofort auffiel: es gibt keine Absätze. Etwas was ich ganz persönlich leider überhaupt nicht leiden kann. Ansonsten ist der Schreibstil wütend, anklagend und persönlich. Sprachgewaltig, aber leider auch anstrengend zu lesen. Und damit meine ich nicht die schöne Art von poetisch anstrengend. Keine Absätze und Sätze die über 18 Zeilen gehen….dazu muss man in der passenden Stimmung sein. Josef Winkler stand einmal auf meiner Liste als Uni-Pflichtlektüre. Und genau so liest sich das Ganze auch.

Lesen? Wichtiges Thema mit schwieriger anspruchsvoller literarischer Umsetzung. Sicher super fürs Analysieren, wenn man Spaß daran hat.

Daniel Wisser: Königin der Berge (Jung und Jung)*

Das letzte Buch auf der Longlist gehört auch zur schweren Kost. Der Protagonist ist MItte 40 und leidet unter Multiple Sklerose. Um niemanden zur Last zu fallen, weist er sich selbst in ein Heim ein und plant bereits das Sterben. Nur leider will ihm niemand dabei helfen, weshalb er vor hat, in die Schweiz zu fahren, da er dort selbst bestimmen kann, wann er sterben will. Doch leider schafft er es ohne fremde Hilfe mittlerweile nirgendwo hin.

Der Text ist wie eine Mischung aus Roman und Drama gestaltet. Es gibt viel Dialoge und zusätzlich noch die inneren Gedanken des Protagonisten. Eine Form, die ich so auch noch nicht gesehen habe.

Lesen? Ich persönlich nicht.

 

Nominiert für den Debüt-Preis:

 

Ljuba Arnautović: Im Verborgenen (Picus Verlag)*

Noch ein Kriegsroman, welcher ebenso wie Arno Geigers Roman, im Jahre 1944 angesiedelt ist, aber dieses Mal in Wien. Genofeva führt ein einsames und vollkommen normales und unscheinbares Leben. Ihre Söhne sind bereits in die UDSSR ausgewandert, der Ehemann lebt in Australien.  Doch Genofeva ist nicht so unscheinbar, wie es scheint, denn sie tut etwas, was sich viele Menschen nicht trauen würden: sie versteckt verfolgte Menschen in ihrer Wohnung. Eine Geschichte von einer vergessenen und verborgenen Heldin.

Lesen? Ja, ich denke dass hier ein Aspekt vom geheimen Widerstand behandelt wird, der oft vergessen wird und von dem jeder sich ein bisschen Mut und Courage abschauen kann.

David Fuchs: Bevor wir verschwinden (Haymon Verlag)*

Der angehende Mediziner Benjamin macht ein Praktikum auf einer Krebsstation und begegnet dort ausgerechnet seiner Jugendliebe. Eine Annäherung unter den Vorzeichen des Abschieds. Noch einmal schwere Kost und eine schwere Thematik. Besonders erwähnenswert: der Autor ist selbst Onkologe und Palliativmediziner.

Lesen? Generelle Leseempfehlung: Ja. Für mich: Nein, da bin ich leider zu nah am Wasser gebaut. Auch wenn die Presse dazu schreibt, dass das Buch wahnsinnig intelligent geschrieben hat, denke ich dass allein die Thematik schon schwer verdaulich ist.

Marie Gamillscheg: Alles was glänzt (Luchterhand Literaturverlag)*

Der Roman handelt von einem kleinen Dorf an einem großen Berg, welches langsam ausstirbt. Die einzige Bewegung kommt vom Stollen des alten Bergwerks, der einzubrechen droht. Was gibt es schon noch in diesem Dorf zu retten? Marie Gamillschegs Buch dreht sich darum, was die Menschen in der Einöde hält. Gehen oder Bleiben? Es geht um Veränderung und Stillstand und all die menschlichen Gefühle die daran geknüpft sind.

Lesen? Da ich auch aus so einem kleinen Dorf stamme: Ja. Ich werde sicher viel wiederkennen können

 

Und wie gefallen euch die beiden Listen für den österreichischen Buchpreis? Ist für euch etwas interessantes dabei?
Findet ihr dieses Jahr die Liste vom deutschen Buchpreis oder vom österreichischen Buchpreis gelungener?

 

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2 Responses
  1. Ich finde es eine wirklich interessante Liste. Immerhin hab ich mit “Das Feld” von Robert Seethaler und “Unter der Drachenwand” von Arno Geiger schon zwei Titel gelesen, denen ich auf alle Fälle ohne Bedenken den Preis zuerkennen würde. Aber auch auf die Bücher von Gerhard Jäger und Mareike Fallwickl bin ich gespannt. Vielleicht schaffe ich die Lektüre noch, bevor der Preis vergeben wird. Mal schauen, wie sich die Jury entscheiden wird!

    1. Ohja ich bin ja auch schon sehr gespannt. Ich habe aber auf jeden Fall das Gefühl, dass die Kriterien für den österreichischen Buchpreis eine etwas anders Gewichtung haben, als beim deutschen Buchpreis. Die Longlists waren bisher immer sehr abwechslungsreich. Aber so oft wurde er ja noch nicht vergeben, dass man wirklich ein Muster erkennen könnte.
      Ich würde auf jeden Fall Arno Geiger oder Mareike Fallwickl den Sieg gönnen, weil ich denke dass beide Bücher sehr zugänglich für ein größeres Publikum sind und interessante Themen behandeln. Letztendlich finde ich, dass es auch eine wichtige Qualität von Literatur ist, dass sie zum Denken anregt und trotzdem verständlich ist.
      Viele Grüße!

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