Rezensionen – Wortlichter https://wortlichter.com Literatur. Lesen. Schreiben. Tue, 25 Sep 2018 09:26:44 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.8 /i2.wp.com/wortlichter.com/wp-content/uploads/2017/08/cropped-20750705_1387240721365761_1860346035_n.jpg?fit=32%2C32&ssl=1 Rezensionen – Wortlichter https://wortlichter.com 32 32 114456990 Rezension: Zusammen sind wir Helden- Jeff Zentner https://wortlichter.com/rezension-zusammen-sind-wir-helden-jeff-zentner https://wortlichter.com/rezension-zusammen-sind-wir-helden-jeff-zentner#respond Sun, 27 May 2018 19:40:20 +0000 https://wortlichter.com/?p=834 Diesen Monat habe ich wieder ein Jugendbuch gelesen- diesmal hatte ich Lust auf ein ganz klassisches Jugendbuch über Freundschaft. Ich hatte jetzt schon lange nach einem Buch gesucht, was nicht den typischen YA-Klischees entspricht und wo es um mehr als nur eine Liebesbeziehung geht. Bei diesem Buch bin ich fündig geworden. Drei ungewöhnliche Freunde In …

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Diesen Monat habe ich wieder ein Jugendbuch gelesen- diesmal hatte ich Lust auf ein ganz klassisches Jugendbuch über Freundschaft. Ich hatte jetzt schon lange nach einem Buch gesucht, was nicht den typischen YA-Klischees entspricht und wo es um mehr als nur eine Liebesbeziehung geht. Bei diesem Buch bin ich fündig geworden.

Drei ungewöhnliche Freunde

In „Zusammen sind wir Helden“ geht es um drei ungleiche Freunde, die verbindet, dass sie alle nicht sonderlich angesehen in der Schule sind und jeder auf seine Weise besonders ist, was alle drei zu Außenseitern macht. Die Geschichte ist aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt. Mich hat es gleich angesprochen drei verschiedene Personen begleiten zu können. Somit war mir auch gleich klar, dass die Freundschaft im Zentrum steht. Es war wirklich interessant, die verschiedenen Sichtweisen und Einstellungen zu verfolgen und zu sehen, wie diese Figuren ihre ungleiche Freundschaft sehen und wahrnehmen.

Da wäre Lydia, eine Fashion-Bloggerin, die einen überaus erfolgreichen Fashion-Blog führt.  Hört sich gar nicht nach einem Mobbing-Opfer an? Nun, ihre Klassenkameraden sehen das jedoch anders, denn das einzige was sie für Lydia übrig haben ist Neid und Missgunst.

Travis hingegen, lebt in seiner eigenen Welt, trägt ständig schwarz und läuft mit einem Holzstab und seinem Lieblingsbuch herum. Die Fantasywelt in die sich Travis flüchtet erinnert mich an Games of Thrones.

Und als dritter im Bunde wäre da Dill, der die Last seiner Familie trägt. Denn Dills Vater war Pastor, zumindest so lange bis er wegen Kindesmissbrauch ins Gefängnis musste. Nicht nur, dass er finanziell seiner Mutter helfen muss um über die Runden zu kommen und er an der schwierigen Beziehung zu seinem Vater zu knabbern hat, er muss auch mit den Reaktionen in der kleinen Stadt klarkommen, die ihn zum Außenseiter machen. Denn die ganze Ortschaft ist sich sicher: böses Blut liegt in der Familie und wird vererbt. Es kann also nur eine Frage der Zeit sein, bis auch Dill seine böse Seite entdecken wird.

Der Schlangenkönig

In gewisser Weise sind die Figuren fast überzeichnet. Lydia geht es eigentlich viel zu gut, Dill geht es viel zu schlecht und Travis ist irgendwo zwischen den Beiden und doch nicht ganz da, sondern in seiner Welt. Jeff Zentner schafft jedoch etwas, was nicht viele Autoren schaffen: er bringt alles passend zusammen und lässt seine Geschichte auf vielen Ebenen wirken und sich entfalten. Sie lebt von den Gegensätzen und den komplexen schweren Gedanken, die ganz unterschwellig verwoben sind.

Auf Englisch würde die Übersetzung des Titels “Der Schlangenkönig” sein, was auf die (ebenso stark übertriebene- fast schon mystische) Familiengeschichte von Dill anspielt. Diese sehr detailierte Familiengeschichte, die sogar mehrere Generationen umfasst, hat immer wieder Schlangen zum Thema. Das hat mich doch anfangs sehr irritiert, da die Geschichte sehr viele Anspielungen auf die christlich fundamentale Erziehung von Dill enthält (die Verbindung zum Schöpfungsmythos liegt auf der Hand) und die anderen Charaktere nicht so detailiert gezeichnet waren.

Ich fand es etwas komisch, dass dieser Detailreichtum nur bei Dill vorkam. Es erschien mir etwas unausgewogen mit den Hintergrundinformationen zu den Charakteren, bis ich gelesen habe, dass der englische Titel eigentlich “The Serpent King” ist. Und dann hat es plötzlich einen Sinn gemacht: denn das Buch- ist eigentlich Dills Geschichte.

Mit diesem Hintergrundwissen habe ich die Geschichte dann etwas anders gelesen und mehr genießen können.

Der Zustand des Schwebens im letzten Schuljahr

Zusammen beginnen die drei Freunde das letzte Schuljahr an ihrer Schule. Alles scheint für die drei offen zu stehen und zugleich scheint alles bereits vorherbestimmt und beschlossen.

Lydia wird durch ihren Erfolg und ihre Kontakte an eine gute Universität gehen, Travis wird in die Firma seiner Familie einsteigen und Dill…, Dill wird als unglücklicher und perspektivloser Pommesverkäufer enden, davon ist er Selbst zumindest überzeugt.

Das ist es, was das Leben für sie bereit hält. Oder ist da etwa noch mehr? Oder doch weniger? Und was ist das wichtigste in dieser Zeit des Umbuchs- die Freundschaft? Doch kann die Freundschaft überhaupt bestehen bleiben, wenn die drei in Zukunft getrennte Wege gehen werden?

Die drei Jugendlichen bewegen sich genau in diesem Zwischengewicht von Leichtigkeit und Schwere, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit.

Alle drei sind kurz vor dem Sprung ins Leben. Bei allen drei zeigen sich Talente, Chancen und Möglichkeiten. Doch werden Sie springen können?

Tiefergehend als erwartet- ein Jugendbuch nicht nur für Jugendliche

Was mich an dieser Lektüre überrascht hat, war dass es viel tiefer ging, als ich erwartet hatte. Es hat ziemlich harmlos begonnen, sich dann aber im Laufe der Zeit ziemlich gesteigert und ist dann in einem niederschmetternden Plot-Twist eskaliert.

Das Buch ist auch durchaus für Erwachsene geeignet. Es hat mich in Gedanken nochmal zurückgeführt in das letzte Schuljahr. Ich konnte wieder dieses Gefühl spüren. Diese unendlich lange nicht enden wollende Zeit, in der alles möglich scheint und doch noch alles so fern ist. Dieser Zustand des Schwebens auf der Schwelle zum Erwachsen sein, zwischen Bleiben und Gehen. Das Gefühl in einem Ort zu leben und zur Schule zu gehen, wo man eigentlich gar nicht hingehört.

In diesem Buch geht es um soviel mehr als nur Freundschaft. Es geht um Zugehörigkeit, das Erwachsenwerden, Familie, Träume, die harte Realität des Schicksals und was daraus entwachsen kann.

Zusammenfassung

Titel: Zusammen sind wir Helden

Autorin: Jeff Zentner

Herausgeber: Carlsen

Erschienen: Dez. 2017

Besprochene Ausgabe: Hardcover, ISBN 978-3551556851

Seitenzahl: 368

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[Rezension] Jack von Anthony McCarten https://wortlichter.com/rezension-jack-von-anthony-mccarten https://wortlichter.com/rezension-jack-von-anthony-mccarten#comments Sat, 21 Apr 2018 17:53:19 +0000 https://wortlichter.com/?p=808 Dass Jack Kerouac mein Lieblingsautor ist, ist ja lange kein Geheimnis mehr. Also musste ich natürlich auch einen Blick auf Anthony McCartens neues Buch “Jack” werfen. Jack Kerouac und seine Biographin Das Buch ist eine fiktive Geschichte und handelt von einer jungen Studentin, Jan, welche die erste offizielle Biographie von Jack Kerouac schreiben möchte. Als …

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Dass Jack Kerouac mein Lieblingsautor ist, ist ja lange kein Geheimnis mehr. Also musste ich natürlich auch einen Blick auf Anthony McCartens neues Buch “Jack” werfen.

Jack Kerouac und seine Biographin

Das Buch ist eine fiktive Geschichte und handelt von einer jungen Studentin, Jan, welche die erste offizielle Biographie von Jack Kerouac schreiben möchte. Als sie hört, dass es um den großen Literaten gesundheitlich sehr schlecht steht, versucht sie das Vorhaben in die Tat umzusetzen und Jack Kerouac in seinen letzten Lebensmonaten einen Besuch abzustatten um die Erlaubnis für das Schreiben einer Biografie zu bekommen. Dieser ist nur noch ein Abbild seiner Selbst und hat mit der großen Legende nicht mehr viel gemeinsam.
Ich muss sagen, dass ich das Buch als die Geschichte von Jan gelesen habe, und nicht die von Jack. Auch wenn es im ersten Teil des Buches so aussah, als ob da versucht wird in Kurzfassung die Geschichte von Jack zu erzählen, konnte mich dieser Teil nicht überzeugen. Nach der ersten Wendung nahm der Roman jedoch an Fahrt auf und umso mehr man von Jan erfahren hat, umso spannender und runder wurde es für mich. Jan war für mich wesentlich besser beschrieben und charakterisiert, als Jack und auch die Geschichte an sich, war in der Hinsicht mehr als ich erwartet hatte. Das war ein wirklich feinfühliger Plot-Twist von Mc Carten, denn Jack hätte die Geschichte nicht getragen.

Stärken und Schwächen des Buches

Im ersten Teil war ich ein bisschen genervt von dieser erzwungenen Interview-Situation wo Jack ein bisschen über sein Leben erzählt. Klar, der Autor hat das für die Hintergrund-Informationen gebraucht, aber es war irgendwie zu erzwungen. Ich war dann wirklich sehr erleichtert, dass der Plot sich dann in Jans Richtung verschob.
Dass Jack vor seinem Tod nicht gerade zu den umgänglichsten Zeitgenossen gehörte, ist klar. Aber das ständige Bohren nach der Schuld am Tod seines besten Freundes Neal, fand ich irgendwie übertrieben. Wer sich ein bisschen mit der Beat Generation beschäftigt, wird feststellen, dass weder Jack noch Neal wirklich umgängliche Zeitgenossen waren. Und im Grunde hatten beide kein Verantwortungsbewusstsein. Jack als den Sünder und Schuldigen darzustellen, halte ich für übertrieben, denn Neal war kein Unschuldsengel und alle anderen aus diesem Kreis auch nicht.
So und nun zu den Stärken des Buches.
Auch wenn mich der erste Teil etwas genervt hat, liegt das wohl eher daran, dass ich schon zu viel über die Beats gelesen habe. Es ist aber sicher ein schöner und interessanter Einstieg, für alle die das noch nicht getan haben. Besonders die vielen Verweise auf die Entstehungsgeschichte von “Unterwegs”, laden geradezu auf eine Lektüre ein. Ich glaube sogar, dass das Buch umso interessanter ist, umso weniger man bereits weiß.

Spiel der Identitäten

Wer war Jack Kerouac? Im ersten Teil geht es um diese zentrale Frage, die jedoch nicht wirklich beantwortet wird. Stattdessen setzt sich das Spiel der Identitäten auf einer neuen Ebene fort. Jack hatte viele Identitäten und Rollen in seinem Leben gehabt. Wer dieser Schriftsteller wirklich wer, kann man wohl auch gar nicht festlegen. Viel interessanter wird die ganze Sache, wenn diese Frage sich auch um Jan dreht. Denn die hat tatsächlich mehr auf dem Kasten, als man ihr zunächst zutraut.
Was mir total gefallen hat, war dass plötzlich in der Mitte des Buches noch ein ganz anderer Charakter auftaucht. Auch wenn dieser Charakter eher unsympathisch dargestellt wird, war er mir doch gleich wohlgesonnen. Anthony Mc Carten bringt damit einen ganz starken von Jan und Jack unabhängigen Charakter ins Spiel. Dieser hat eine extrem ausgeprägte und gefestigte Identität und bietet so ein Gegenwicht zum schwammigen und dahin siechenden Jack.
Ab dem zweiten Teil, gibt es dann einen Plot-Twist, so dass es verstärkt um Jan geht. Anthony Mc Carten zeigt, dass er nicht nur ein Buch über Jack Kerouac geschrieben hat, sondern viel mehr als das. Er schafft es Jan mit jeder Seite besser in Szene zu setzen und die Protagonistin wird dann sogar interessanter als das eigentliche Subjekt des Buches. Ich war wirklich positiv überrascht, dass der Autor hier mit Jan so viel Potential in ihrer Figur entwickelte.

Tipps zum Weiterlesen:

Wer einen Einblick in die Beat Generation bekommen möchte, dem empfehle ich natürlich die Lektüre von Unterwegs/ On the Road.
Oder Ginsbergs “The Best Minds of My Generation: A Literary History of the Beats“, die ganz frisch im April in einer Neuauflage bei Penguin Modern Classics verfügbar ist. Ich habe die gebundene Auflage zu Hause und ich glaube das Buch ist Schuld an meiner übersteigerten Beschäftigung mit den Beats.
Da es im Buch auch um die Briefe von Jack geht, empfehle ich: “Ruhm tötet alles: Die Briefe“, die Korrespondenz von Jack Kerouac und Allen Ginsberg. Dessen Titel finde ich übrigens auch absolut passend für Jacks Lebensgeschichte.
Und für die Perspektive der Frauen: Joyce Johnson schreibt in “Minor Characters: A Beat Memoir“, nicht nur über ihre Beziehung zu Jack Kerouac, sondern viel mehr über die Frauen in der Beat Generation, welche bedingt durch die Konventionen ihrer Zeit, zwar eher Nebencharaktere waren, aber bereits mutige Vorreiterinnen für die späteren Generationen darstellten. Was später durch die 68er ganz normal wurde, fiel damals noch unter revolutionäres Verhalten für eine Frau.
Ich stelle euch auch gerne noch in Zukunft alle erwähnten Bücher (und noch Mehr) in einem Special genauer vor.

Und nun zu euch: Ist euch die Beat Generation ein Begriff? Und habt ihr bereits Bücher davon gelesen? Wenn ja, welches ist euer Lieblingsbuch?

 

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Rezension: Die Gabe von Naomi Alderman https://wortlichter.com/rezension-die-gabe-von-naomi-alderman https://wortlichter.com/rezension-die-gabe-von-naomi-alderman#comments Fri, 13 Apr 2018 17:10:54 +0000 https://wortlichter.com/?p=796 Die Gabe- schlechte Übersetzung des Titels. Das Buch “The Power” von Naomi Alderman hat 2017 den Baileys Women’s Prize for Fiction gewonnen. Damit kam dem Buch in der internationalen Presse viel Aufmerksamkeit zu Teil. Allerdings finde ich es schade, dass in den deutschen Medien nicht so viel berichtet wurde. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass …

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Die Gabe- schlechte Übersetzung des Titels.

Das Buch “The Power” von Naomi Alderman hat 2017 den Baileys Women’s Prize for Fiction gewonnen.
Damit kam dem Buch in der internationalen Presse viel Aufmerksamkeit zu Teil. Allerdings finde ich es schade, dass in den deutschen Medien nicht so viel berichtet wurde. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass man hier der Sache eher skeptisch gegenübersteht.
Bereits die Übersetzung des Titels “The Power” mit “Die Gabe”, wird der Sache nicht ganz gerecht. Besonders im Angesicht dessen, dass man auch gerne kurze einprägsame englische Titel oft gar nicht übersetzt, hätte man es vielleicht dabei belassen sollen. Andere Vorschläge wären von meiner Seite gewesen: Die Kraft, oder Die Macht. Scheint mir alles besser zu passen, als die Gabe.
Allerdings verstehe ich nach der Lektüre wahrscheinlich auch die Beweggründe, die für diesen Titel sprachen. Denn mit Vorranschreiten der Handlung, wird ein Handlungsstrang immer  ausgeprägter, in dem es um Religion geht und diese weibliche Kraft als eine Art Geschenk von Gott gesehen wird. Die Begabung der Frauen, als eine Art Gabe von Gott. Vielleicht spielt der Übersetzer ja darauf an.

Machtmissbrauch und Machtverhältnisse

Trotzdem denke ich, dass Die Kraft oder Macht besser gepasst hatte, denn dies ist nur eine Ebene des Buches und viel mehr geht es um Machtverhältnisse, auf ganz verschiedenen Ebenen. Politik, Religion, Persönliches, Familie, Abhängigkeiten, Kriminalität, Medien usw. Und in all diesen Bereichen bewegen sich die Figuren von Naomi Alderman.
Manchmal wird kritisiert, dass die Hauptfiguren alle zu negativ sind- eigentlich stellen sie fast alle Anti-Helden dar. Da gab es nicht viel Gegengewicht von Frauen, die etwas Gutes taten. Ich persönlich habe den Roman aber so gelesen: Jede dieser Figuren stand für mich für einen oder mehrere Bereiche des Machtmissbrauchs in der Gesellschaft. Durch die Überzeichnung der Charaktere und Geschehnisse, habe ich das Buch als satirischen aber intelligenten Gesellschaftsroman wahrgenommen.

Brutale Zukunftsvision

In der Geschichte geht es darum, dass in den Frauen eine besondere Kraft erwacht, Stromstöße auszusenden. Erst betrifft das nur einige wenige Frauen, doch dann werden es immer mehr und die Frauen können die Kraft auch in anderen Frauen erwecken.
Die ersten Frauen, die diese Kraft entwickeln, sind die, die es wohl am Nötigsten brauchen. Die misshandelten jungen Mädchen, die der Macht der Männer ausgeliefert sind. Sie lernen schnell damit umzugehen und sich zur Wehr zu setzen- und sie wollen Rache. Die ganze Welt gerät in den Ausnahmezustand und fängt an sich nun vor gewaltbereiten Mädchen zu fürchten.
Zu Beginn war ich doch etwas überrascht, was die Brutalität des Buches betrifft. Damit hatte ich nicht gerechnet und da es ja gerade im Buchblogger Bereich, Triggerwarnungen diskutiert werden: Hier wird sehr explizit Gewalt und sexueller Missbrauch dargestellt.
Besonders die englische Presse, betitelte das Buch als Dystopie. Obwohl die Ausgangslage: Ermächtige Frauen, wohl eher als Utopie aufgefasst werden könnte.

Umkehrung von Machtverhältnissen

Das Buch beschreibt in einer eindrucksvollen Weise, wie Machtdynamiken zwischen Männern und Frauen umgekehrt werden. Und wie absurd unsere heutige Welt ist, dass wird einem erst richtig klar, wenn man diese Umkehrung betrachtet.
Bei den gewaltbereiten Mädchen, müsste man als Mutter Angst haben, die minderjährigen Jungs überhaupt noch im Dunkeln allein vor die Tür zu lassen, heißt es im Buch. An einer anderen Stelle, als es um Vergewaltigung geht, meint die Frau, dass der Mann es so gewollt hätte und die Sache mit den  Stromstößen sexy fand. Absurd und wohl ziemlich verstörend für die männlichen Leser.
Allerdings eine Realität, die umgekehrt leider keine Seltenheit ist und auch kaum hinterfragt wird. Viele solcher bissigen Stellen gibt es im Buch.
Wahrscheinlich wird dieses Buch in der Presse als Dystopie beschrieben, weil es nicht optimistisch ist. Nein, hier kommen wir nicht in eine heile Welt, die von Frauen regiert wird. Die neue Welt ist genauso wie die Alte. Nur die Macht verschiebt sich.

Ist die Gabe eine Dystopie?

Naomi Alderman wurde gefragt, ob ihr Roman eine Dystopie ist. Sie hat sich dazu ausführich geäußert und im Guardian einen Artikel über Sci Fi Literatur und Feminismus geschrieben. Der Artikel ist wirklich lesenswert und danach weiß man auch mit guten Gewissen: Nichts in diesem Roman ist zufällig geschrieben. Naomi Alderman hat sich ausführlich mit diesem Thema beschäftigt.
Naomis bester Satz ist… frei übersetzt: “Wenn die Gabe eine Dystopie ist, dann leben wir jetzt bereits in einer Dystopie”
An vielen Stellen wird auch geschrieben, das Buch sei absurd, weil es keine richtige Zukunftsvision von starker Weiblichkeit zeigen kann. Und an dieser Stelle glaube ich auch, dass die Botschaft missverstanden wird. Nein, ich glaube, dass ist keine Zukunftsvision, sondern viel mehr ein Versuch dem Leser vor Augen zu führen, was bereits heute Realität ist.

Die Absurdität von jeglicher Art von Gewalt und Krieg

Wenn Frauen in den Krieg ziehen und Männer sich mit Gummisohlen bewaffnen, dann ist das nicht absurder als all die unnötigen Kriege, die bereits auf unserem Planeten geführt werden.
Und die exzessive Gewalt, die von Frauen ausgeht, nicht unrealistischer oder absurder als die exzessive Gewalt, die in derzeitigen Kriegen vor sich geht. Denn jegliche Realität ist viel grausamer, als dieser gedankliche Versuch die Machtverhältnisse umzudrehen.
Nur scheinen leider viele nicht begriffen zu haben, was bereits heutzutage in unserer Welt, in unserem Land, vor unserer Haustür bereits an Gewalt zu finden ist. Gewalt findet überall statt. Denn Gewalt ist Normalität, besonders männliche. Und ja ich sage absichtlich männliche Gewalt, denn so lange Millionen Frauen Gewalt von Männern erfahren, können wir das nicht schönreden. Nicht alle Männer sind Täter, manche ebenso Opfer und bei den Frauen auch anders herum. Man kann nicht pauschalisieren, man sollte sich aber bewusst sein, wieviele Frauen betroffen sind.
  • 40% der Frauen in Deutschland haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt.

Und Gewalt und Krieg sind Probleme, die uns alle betreffen, auch wenn wir persönlich nicht betroffen sind.

 Stimmen und Links zum Thema

Genauso diskussionswürdig wie das Buch an sich, sind die Stimmen.
Da findet man zb. Kommentare zu Rezensionen, die das Buch als radikal-feministischen Rachefantasie betiteln oder Leute die feststellen, dass die Sache mit der weiblich-männlichen Machtverteilung überhaupt nicht an der körperlichen Überlegenheit des Mannes liegt, sondern vielmehr an den mangelnden geistigen Fähigkeiten der Frau.
Solange noch solche Kommentare in Hülle und Fülle existieren, sind wir noch weit entfernt von jeglicher Modernität.
Hier noch ein paar interessante Links, mit den teilweise angesprochenen Themen:
Naomi Alderman über Sci Fi-Literatur und Feminismus (The Guardian)
Spiegel Rezension (Rezension gelungen- aber besonders lesenswert: Die Kommentare)
Zahlen (Frauen gegen Gewalt) und Zahlen – 30 bis 40 % (Tagesschau)

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Indiebookday: 3 Verlage und Bücher aus Österreich https://wortlichter.com/indiebookday-3-verlage-und-buecher-aus-oesterreich https://wortlichter.com/indiebookday-3-verlage-und-buecher-aus-oesterreich#comments Sat, 24 Mar 2018 15:28:42 +0000 https://wortlichter.com/?p=782 Meine Lieben, heute ist Indiebookday! Anstatt euch ein spezielles Buch vorzustellen, möchte ich euch gerne meine drei liebsten unabhängigen Verlage aus Österreich vorstellen. Denn ich denke, da besonders die deutschen Verlage ihre Aufmerksamkeit bekommen, sollte nicht vergessen werden, dass auch Österreich oder die Schweiz einige interessante Verlage zu bieten haben. Ich habe mir dazu jeweils …

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Meine Lieben, heute ist Indiebookday!

Anstatt euch ein spezielles Buch vorzustellen, möchte ich euch gerne meine drei liebsten unabhängigen Verlage aus Österreich vorstellen. Denn ich denke, da besonders die deutschen Verlage ihre Aufmerksamkeit bekommen, sollte nicht vergessen werden, dass auch Österreich oder die Schweiz einige interessante Verlage zu bieten haben.
Ich habe mir dazu jeweils ein Buch als Stellvertreter des Verlagsprogramm ausgesucht und stelle euch kurz meine Auswahl vor.

Alle drei vorgestellten Bücher, gehören zur weiblichen Zwischenkriegszeit-Literatur. Die österreichischen Verlage sind echt stark auf diesem Gebiet und Österreich hat so einige wundervolle und fast vergessene Autorinnen aus dieser Zeit zu bieten. Ich finde, diese starken und vergessenen Frauenstimmen sollten gehört werden.

Edition Atelier

mit Else Feldmann- Travestie der Liebe (Erzählungen)

Hallo, ich möchte bitte einmal das komplette Verlagsprogramm- zum Mitnehmen! Der Verlag Edition Atelier ist einer der wenigen Verlage, wo ich wirklich fast alle Bücher lesen würde. Denn ich weiß, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit meinen Geschmack treffen. Leider habe ich dafür viel zu wenig Zeit.

Else Feldmann schreibt in Travestie der Liebe kurze Erzählungen über den Alltag, hat dabei jedoch eine ausgeprägte Beobachtungsgabe. Sie beschreibt das Leben in der Großstadt aus dem Wien der 1920er und erzählt von den hellen und dunklen Seiten der Stadt. Ihr Sujet sind die einfachen Bürger, in ihrem Leben zwischen Elend, Sehnsucht und Hoffnung.

Else Feldmann lebte von 1884 bis 1942 und starb in einem polnischen Vernichtungslager. 1934 wurde ihr gesamtes Werk vom Nationalsozialismus verboten und vernichtet.

Travestie der Liebe ist in der Edition Wiener Literaturen erschienen.

Lieber Lust auf etwas Aktuelles von Edition Atelier? Hier findet ihr meine Rezension zu Reibungsverluste von Mascha Dabić.

Links: Verlag und Amazon*

DvB- Das vergessene Buch

mit Maria Lazar- Die Eingeborenen von Maria Blut (Roman)

Mein absoluter Lieblings-Geheimtipp. Der Verlag “Das vergessene Buch”, hat es sich zur Aufgabe gemacht, alte Bücher neu zu entdecken. Das besondere dabei: Es handelt sich dabei um vergessene Literatur, vor allem aus der Zwischenkriegszeit. Alle Bücher wurden von Frauen geschrieben und dann durch den zweiten Weltkrieg verbannt und vergessen.

Meine Lieblingsschriftstellerin aus dieser Zeit ist Maria Lazar. Sie hat wirklich eine ganz besondere Art zu schreiben und nicht nur eine scharfe Schreibfeder, sondern auch einen scharfen Verstand. So schreibt Sie in ihrem Roman: Die Eingeborenen von Maria Blut- einen Widerstandsroman, der seines Gleichen sucht.

Man kann kaum glauben, dass die erste Fassung bereits 1935 publiziert wurde (und sie muss ja bereits vorher daran geschrieben haben). Ich habe selten ein Buch gelesen, was so dermaßen gut konstruiert war. Es enthält  lauter Anspielungen, eine ganz starker Symbolik und erschreckende Beobachtungen der menschlichen Psyche. Und leider ist das Buch so aktuell wie nie.

Wer also einen scharfsinnigen literarischen Roman darüber lesen möchte, wie es dazu kommen konnte, dass sich der Fachismus in die Herzen der Menschen eingeschlichen hat, sollte unbedingt zu diesem Buch greifen. Dazu ist Maria Lazars scharf durchdachter und satirischer Schreibstil bereits alleine einen Blick wert.

Links: Verlag und Amazon*

 

Literaturverlag Droschl

mit Mela Hartwig- Das Verbrechen (Novellen und Erzählungen)

Mela Hartwig war ihrer Zeit weit voraus. In ihren Novellen und Erzählungen, welche alle zwischen 1928 und 1945 erschienen sind, geht es um sehr kritische Themen, wie Konsumkultur, schlechte Arbeitsverhältnisse, Sexualität, Antisemitismus und vielem mehr.

Zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit macht sie einen literarischen Spagat und verbindet diese beiden Epochen in kunstvoller Literatur mit außergewöhnlich kraftvollen Frauenfiguren.

Der Droschl Verlag verlegt auch moderne Literatur. Hier findet ihr zb. meine Rezension zu Traurige Freiheit von Friederike Gösweiner.

Links: Verlag und Amazon*

 

 

*enthält Afiliate Links

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[Rezension] Fast Dumm von Ann Cotten https://wortlichter.com/rezension-fast-dumm-von-ann-cotten https://wortlichter.com/rezension-fast-dumm-von-ann-cotten#respond Wed, 28 Feb 2018 18:43:16 +0000 https://wortlichter.com/?p=752 Für einen Road-Trip bin ich ja immer zu haben. Und seit der Lektüre von “On the Road” träume ich davon, dass Schreiben und das Reisen zu verbinden. Ann Cotten hält das auch so und schreibt in ihrem Buch “Fast dumm”, Essays von Unterwegs. Das Buch enthält ihre gesammelten Essays von ihren Erkundungen in Amerika nach …

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Für einen Road-Trip bin ich ja immer zu haben. Und seit der Lektüre von “On the Road” träume ich davon, dass Schreiben und das Reisen zu verbinden.

Ann Cotten hält das auch so und schreibt in ihrem Buch “Fast dumm”, Essays von Unterwegs. Das Buch enthält ihre gesammelten Essays von ihren Erkundungen in Amerika nach den Trump-Wahlen und auch Fotos, sowie Gedichte von seelenverwandten Autoren. Was für den Zusammenhang sehr interessant ist, ist dass Ann Cotten amerikanische Wurzeln hat und deshalb die amerikanische Gesellschaft aus einer ganz eigenen Perspektive beleuchtet und analysiert.

Sprachkünstlerin mit Hang zur Intellektualität und Herausforderung

Die Autorin hat einen ganz eigenen Schreibstil, das wird bereits in ihren anderen Werken sichtbar. Ich sehe Ann Cotten als eine Art Sprachkünstlerin. Denn das was sie macht, ist nicht unbedingt Literatur die unterhält, ich würde eher sagen, sie macht unbequeme und herausfordernde Literatur.

Ann Cottens Sinn für Sprache zeigt sich schon in der Art und Weise wie sie gendert. Tatsächlich gendert sie konsequent ihr komplettes Buch in Anlehnung an die polnischen Weise: Man nimmt einfach alle Buchstaben des Wortes, die in den weiblichen und männlichen Formen vorkommen würden und reiht sie hintereinander. Kommt mir fast schon satirisch vor, gefällt mir aber von der Idee fast besser als die deutsche Variante, auch wenn das natürlich ziemlich gewöhnungsbedürftig klingt.

Das Buch hat einen ganz eigenen Schreibstil. Fach- und Fremdwörter hat die Autorin sehr gerne. Man findet in ihren Texten eine gewisse Intellektualität und Komplexität, die im nächsten Absatz wieder dekonstruiert und zersetzt wird. Und zwischen den Zeilen meine ich den Titel zu erkennen: Wir Menschen könnten so schlau sein, aber wir sind fast dumm. (Der Titel ist übrigens an ein Gedicht von Majakowskij angelehnt, welches man auch im Buch findet.) Wir analysieren und pressen die Welt in ein Muster, um dann doch ganz absurd zu handeln. Das gilt wohl für die amerikanische Gesellschaft, genauso wie für unsere eigene. Ob Ann Cotten das so angedacht hat? Ich weiß es natürlich nicht, aber mir kommt es so vor, als ob sie bei ihren Beobachtungen ein besonderes Auge für Zusammenhänge aber auch gleichzeitig für die Absurdität der Situation hat.

Road Trip in das Trump- Amerika, kurz nach den Wahlen

Doch zu Beginn sind wir erst einmal in Russland und begleiten die Autorin auf ein Festival für Dichtkunst. Schon dort scheint sie Vorboten ihrer USA Reise magisch anzuziehen und sieht so viele Gemeinsamkeiten und Zufälle, die mit den USA in Verbindung stehen.

Dann geht es weiter nach Amerika und wir begleiten sie sogar nach Mexiko. Die stärksten Essays sind jedoch die aus den USA, wo sie offen, kritisch und ganz persönlich über das Land, die Menschen und die Entwicklungen reflektiert.

Ich muss sagen, dass mich Ann Cotten erst ab den Amerika-Essays wirklich begeistern konnte. Der Einstieg war doch ein bisschen zäh, was vielleicht auch daraus resultierte, dass man sich erst an ihren ganz eigenen Stil gewöhnen muss. Das wir uns zu Beginn in Russland wiederfinden, hatte ich auch gar nicht erwartet. Außerdem ist Ann Cotten überaus politisch, was ich zwar begrüße, mir aber direkt zum Einstieg ein bisschen zu viel war. Ich hätte es begrüßt noch ein bisschen mehr aus Amerika zu lesen, denn ab diesem Punkt las es sich weg, wie nichts.

War Spaß an komplexer Sprache und fazinierenden Beobachtungen hat, ist mit diesem Buch auf jeden Fall gut beraten. Wer auf der Suche nach Unterhaltungslektüre ist, eher weniger, denn Ann Cottens Essays fordern geradezu zum Mitdenken und Mitreflektieren heraus.

Sehr gut gefallen haben mir auch ihre Fotos, die ganz abseits von heutigen Digitalfotografie, die ganze Reise entschleunigen. Ihre dunklen unspektakulären Polaroid Fotos haben etwas künstlerischen und etwas Beruhigendes. Wie das Erinnern an eine Zeit, wo alles noch unkomplizierter war. Wo nicht alle Bilder perfekt waren, aber zu tiefst menschlich und persönlich.

Zusammenfassung

Titel: Ann Cotten. FAST DUMM Essays von on the road*.

Autorin: Ann Cotten

Herausgeber: Starfruit Publications

Erschienen: 2017

Besprochene Ausgabe: Hardcover, ISBN 978-3922895329

Seitenzahl: 248

 

* Titel und Cover enthalten Afiliate-Links

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[Rezension] Autolyse Wien- Karin Peschka https://wortlichter.com/rezension-autolyse-wien-karin-peschka https://wortlichter.com/rezension-autolyse-wien-karin-peschka#respond Sun, 19 Nov 2017 19:17:35 +0000 https://wortlichter.com/?p=682 Was bleibt wenn die Welt, die wir kennen untergeht oder sich aus den Angeln hebt? Autolyse Wien geht der Frage nach, wie es wohl wäre, wenn eine riesige Katastrophe eine ganze Stadt in Schutt und Asche legt. Dabei ist es für das Buch vollkommen nebensächlich, was genau diesen Untergang verursacht hat. Viel mehr geht es …

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Was bleibt wenn die Welt, die wir kennen untergeht oder sich aus den Angeln hebt? Autolyse Wien geht der Frage nach, wie es wohl wäre, wenn eine riesige Katastrophe eine ganze Stadt in Schutt und Asche legt. Dabei ist es für das Buch vollkommen nebensächlich, was genau diesen Untergang verursacht hat. Viel mehr geht es darum, was die einzelnen Überleben nun tun und wie sie sich mit diesen Ereignissen arrangieren.

In vielen kurzen Fragmenten, die oft nur einige Seiten lang sind, werden die verschiedensten Menschen vorgestellt und man lernt, wie sie mit der Katastrophe umgehen.

Autolyse- Selbstauflösung

Das Wort Autolyse scheint erst einmal ungewöhnlich für einen Roman-Titel. Bei näherer Betrachtung, merkt man jedoch, dass das Wort sehr passend und keinesfalls zufällig gewählt ist. Die Autolyse bezeichnet nämlich einen Verwesungsprozess und die eigene Auflösung von abgestorbenen Zellen. Metaphorisch gesehen, steht das für den Prozess, welcher nach der Zerstörung der Stadt eintritt. Ich muss jedoch zugeben, dass Autolyse Wien leider kein Buchtitel ist, der mich im Buchladen ansprechen würde. Aufmerksam geworden bin ich auf das Buch durch den österreichischen Buchpreis, wo das Buch auf der Longlist stand.

Außerdem hat Karin Peschka beim Bachmann-Wettbewerb den Publikumspreis gewonnen.

Wien von seiner hässlichsten Seite

Als Wienerin bin ich natürlich beim Lesen sehr aufmerksam.. Ich versuche die beschriebene Orte wiederzuerkennen und muss schmunzeln, wenn aus dem Graben, einer der luxuriösesten Flaniermeilen in Wien, tatsächlich ein echter Graben wird.

Das Karin Peschka ausgerechnet Wien für ihr Szenario gewählt hat, ist denke ich zumindest, kein Zufall. Man sagt der Stadt schon immer einen etwas morbiden Charakter nach. Der Zentralfriedhof als Ausflugsort (welcher übrigens neuerdings das Motto hat “hier liegen sie richtig” – man kann den Wiener Humor und Umgang mit dem Tod gut erkennen.), Bestattungsmuseum, Kapuzinergruft etc. In Wien hat man viele Möglichkeiten sich an dem Tod zu erfreuen. Umso mehr wundert es mich, dass scheinbar sonst noch niemand von dieser Idee Gebrauch gemacht hat und Wien in ein apokalyptisches Schlachtfeld verwandelt hat.

Außerdem bildet Wien, wie kaum eine andere Stadt, einen solchen Kontrast zwischen Schönheit, ewigen Leben und Zerstörung. Allein von der Architektur her, fühlt man sich in der Stadt, als ob die Zeit stehen geblieben ist, irgendwo in der Habsburgermonarchie und dann plötzlich einen Sprung in die Moderne gemacht hat. Ein bisschen Dekadenz, ein bisschen träumerische Historie, ein bisschen Moderne und der typische Wiener Charakter. All das wird im Buch in sein Gegenteil verwandelt. Aus Überfluss wird Mangel, aus Schönheit wird Zerstörung und aus Träumerei bittere Realität.

Die Katastrophen sind weit weg

Trotzdem bleibt es ein Buch, an dem ich sehr lange gelesen habe, da es kein Roman ist und ein Spannungsaufbau mit den ganzen Fragmenten ausbleibt. Es ist ein Buch, in welchem ich meist nur ein paar Abschnitte lese und dann wieder zur Seite legt, ohne den Anschluss zu verpassen. Es ist ein düsteres Szenario, welches zur Abwechslung mal in unserer eigenen europäischen Stadt spielt. Anstatt die Zerstörung und das Leid in den Nachrichten abgestumpft zu verfolgen, regt es hier zum Nachdenken an, da es in unsere eigene Wirklichkeit versetzt wird. Solche Katastrophen- betreffen uns Europäer meist nicht, doch was wäre wenn?

Zusammenfassung

Titel: Autolyse Wien

Autorin: Karin Peschka

Herausgeber: Verlag Otto Müller

Erschienen: 2017

Besprochene Ausgabe: Hardcover, ISBN 978-3701312535

Seitenzahl: 180

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[Rezension] Die Flügel meines schweren Herzens: Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute https://wortlichter.com/rezension-die-fluegel-meines-schweren-herzens-lyrik-arabischer-dichterinnen-vom-5-jahrhundert-bis-heute https://wortlichter.com/rezension-die-fluegel-meines-schweren-herzens-lyrik-arabischer-dichterinnen-vom-5-jahrhundert-bis-heute#comments Mon, 16 Oct 2017 13:22:09 +0000 https://wortlichter.com/?p=668   Die Flügel meines schweren Herzens* vom Herausgeber Khalid Al Maaly stand schon lange unter meiner Beobachtung. Ich hatte bereits die Erstauflage von 2008 entdeckt, die jedoch bereits vergriffen ist. Ich habe mich riesig gefreut, als ich gesehen habe, dass der Verlag Manesse das Buch neu auflegt. Und was für eine tolle Auflage es geworden ist! …

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Die Flügel meines schweren Herzens* vom Herausgeber Khalid Al Maaly stand schon lange unter meiner Beobachtung. Ich hatte bereits die Erstauflage von 2008 entdeckt, die jedoch bereits vergriffen ist. Ich habe mich riesig gefreut, als ich gesehen habe, dass der Verlag Manesse das Buch neu auflegt. Und was für eine tolle Auflage es geworden ist! Das Buch hat mich optisch umgehauen. Nicht nur dass mich das goldene Mosaik-Muster auf dem Umschlag begeistert, das Buch hat auch einen blauen Seideneinband und im inneren des Buches findet sich sowohl der arabische Text, als auch die deutsche Übersetzung. Ich glaube dass sich das Buch auch ganz wunderbar zum Verschenken eignet.

Die Stimme arabischer Dichterinnen

Wesentlich interessanter als die hübsche Aufmachung, ist jedoch der Inhalt.  Die westliche Welt assoziert arabische Frauen oft als unterdrückte Frauen, welche nicht viel zu sagen haben und auch in der Literatur keine Rolle spielen. Dieser Band mit arabischen Dichterinnen zeigt jedoch, dass das ein Vorurteil ist. Das Buch macht die vielfältigen und starken Stimmen arabischer Frauen, quer durch die Zeit sichtbar. In dem Buch finden sich Dichterinnen aus verschiedenen Zeitepochen. Von vor-islamischer Zeit (ab dem 5. Jahrhundert) bis in die heutige moderne Welt.

Das man hier wenig von der Literatur arabischer Frauen hört, liegt also nicht daran, dass keine existieren würde, sondern viel mehr daran, dass sie besonders im Westen schwer zugänglich ist und wenig übersetzt wird. So wird im Nachwort auch erklärt, dass das Fehlen von Texten aus einigen Jahrhunderten damit zu tun hat, dass die verschiedenen Dialekte nur schwer übersetzt werden können. Generell ist die arabische Literatur in Deutschland ein Nischenbereich und die Literatur von arabischen Frauen ist leider so gut wie gar nicht vertreten. Umso schöner ist diese Zusammenstellung, die gleich dutzende Frauen zu Wort kommen lässt und einen wundervollen Einblick in das dichterische Schaffen gibt.

Überraschende Einblicke in die orientalische Dichtkunst

Ein großer Schwerpunkt liegt in den Gedichten auf der Liebe und der Erotik. Aber auch Themen wie Krieg, Trauer und das Beduinen-Leben kommen vor. Insgesamt findet sich eine große Themenvielfalt und Offenheit in den Gedichten. Manchmal bekommt man schon fast rote Ohren, wenn man den genauen Ausführungen der Liebe und ihren Zärtlichkeiten folgt. Sicherlich hatte ich weniger Erotik erwartet, allerdings war die Liebe schon immer ein großer Schwerpunkt in der arabischen Dichtkunst.

Besonders gefallen hat mir, dass es sowohl ein Nachwort gibt, als auch eine Auflistung aller Dichterinnen mit ihren kurzen Biographien. Besonders interessant war dabei der Zusammenhang von den Inhalten der Gedichte und den Biografien der Autorinnen. Mein Lieblingsgedicht war zum Beispiel ein Gedicht einer Beduinin, die einen reichen Kalifen heiratete und in ihrem Gedicht ihr unendliches Heimweh zum einfachen Leben beklagte. Der Kalif schickte sie, nach dem er ihre Gedichte gehört hat, zurück in die Heimat.

Die Übersetzung der Gedichte legt den Schwerpunkt auf die inhaltliche Übersetzung. Die Metrik und Reime gehen dadurch leider verloren, aber das Verständnis um die Inhalte und was die Autorinnen ausdrücken wollten, ist dadurch höher. Schön finde ich auch, dass spezielle Wörter und Anspielungen noch genauer in den Anmerkungen erklärt werden.

Was mir bei dem Buch gefehlt hat, war eine Sortierung. Die Biographien hätte ich lieber bei den Gedichten verortet gesehen, so war ich nach jedem Gedicht am Blättern, um über die Verfasserin und die historische Einordnung zu lesen. Außerdem finde ich, dass das Nachwort eher als Einleitung geeignet gewesen wäre. Oder aber man liest das Buch danach einfach nochmal, was natürlich auch sehr bereichernd ist.

Zusammenfassung

Titel: Die Flügel meines schweren Herzens

Autorinnen:  verschiedene arabische Autorinnen

Herausgeber: Khalid Al-Maaly

Erschienen:  (erstmals in Deutsch: 2008), 2017 Neuauflage bei Manesse

Besprochene Ausgabe: Hardcover Manesse ISBN: 978-3-579-08534-0

Seitenzahl: 207

 

 

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[Rezension] Reibungsverluste- Mascha Dabić https://wortlichter.com/rezension-reibungsverluste-mascha-dabic https://wortlichter.com/rezension-reibungsverluste-mascha-dabic#comments Sat, 29 Jul 2017 18:33:11 +0000 https://wortlichter.com/?p=608 Die Flüchtlingskrise aus der Sicht einer Dolmetscherin Viele Bücher erscheinen derzeit, die das Thema Flucht behandeln. Mascha Dabićs neuer Roman “Reibungsverluste*” behandelt das Thema aus einer kaum behandelten Perspektive: die Sicht der Dolmetscherin. Es geht nicht primär um die Erfahrungen der Flüchtlinge sondern darum, wie jemand aus unserer Gesellschaft,  diese Begegnungen erlebt. Als Dolmetscherin ist …

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Die Flüchtlingskrise aus der Sicht einer Dolmetscherin

Viele Bücher erscheinen derzeit, die das Thema Flucht behandeln. Mascha Dabićs neuer Roman “Reibungsverluste*” behandelt das Thema aus einer kaum behandelten Perspektive: die Sicht der Dolmetscherin.
Es geht nicht primär um die Erfahrungen der Flüchtlinge sondern darum, wie jemand aus unserer Gesellschaft,  diese Begegnungen erlebt. Als Dolmetscherin ist die Protagonistin Sprachrohr für diese Menschen, ohne Selbst jedoch am Geschehen beteiligt zu sein. Sie vermittelt das Gesagte zwischen zwei Parteien und versucht dabei möglichst wenig Verluste zwischen der Bedeutung der Sprache zu erzeugen. Sie Selbst hat auch kaum Möglichkeit einen eigenen Kontakt herzustellen. Es sind die Anderen, die durch sie sprechen. Doch was macht das mit ihrer Person?

Die Sprache ohne Reibungsverluste fließen lassen

Die Protagonistin bewegt sich zwischen Ohnmacht und Perfektionismus. Während einer Beratung, bleibt sie professionell, distanziert. Doch wenn sie schriftliche Berichte über Folterungen übersetzen muss, kommt ihr das Geschehen zu nahe. Sie ist nicht mehr die unbeteiligte Dritte, sondern steht allein dem Text gegenüber und wird von seiner Gewalt erfasst.

Der Roman behandelt das seltene Thema, wie es Menschen ergeht, die täglich mit Gewalt und Traumata im Rahmen ihrer Arbeit zu tun haben. Hier steht nicht der Traumatisierte, sondern der Helfende im Mittelpunkt. Von indirekter Traumatisierung sind besonders Berufsgruppen im sozialen Bereich betroffen, aber auch Polizisten, Sanitäter und andere helfende Berufe, finden sich in diesem Kontext wieder. Es ist ein täglicher Kampf zwischen Abgrenzung und Burn Out. Mascha Dabić ist eine sehr reflektierende Erzählerin. Wie ergeht es einer jungen Dolmetscherin mit diesen Erfahrungen, die jeden Tag durch sie hindurchlaufen, wie durch ein Sprachrohr?

Mascha Dabić ist selbst Dolmetscherin für Flüchtlinge, allerdings ist ihr Roman nicht autobiographisch. Die Abläufe, Geschichten und Schwierigkeiten des Dolmetschens, werden jedoch sehr authentisch vermittelt. Als Übersetzerin hat sie schon mehrere Werke übersetzt, dies ist ihr erster eigener Roman.

Eigenes Fazit

Ich musste beim Lesen oft Schmunzeln, da ich Selbst im Flüchtlingsbereich arbeite und mir viele Szenen bekannt vorkamen. Ich bin allerdings diejenige, in deren Beratung die Dolmetscherin sitzen würde. Durch den Roman, habe ich sicher unsere Dolmetscher ein bisschen besser verstanden, denn es muss wirklich ziemlich anstrengend sein, so gar keinen Handlungsspielraum zu haben. An vielen Stellen hat mich der Roman schon fast gelangweilt, weil es einfach so genau meinen Berufsalltag wiedergibt, den ich jeden Tag erlebe. Aber für Menschen, die damit nichts zu tun haben, ist es sicherlich sehr spannend zu lesen.
Manchmal hatte ich auch sofort Bilder  und Personen im Kopf, die ähnliche oder sogar die gleichen Erlebnisse hatten. Die Authentizität des Romans ist also sehr hoch. Dabei habe ich mich natürlich automatisch gefragt, ob es sich nicht vielleicht sogar um die selben Personen handelt. Das wäre angesichts der Tatsache, dass Mascha Dabić auch in Wien wohnt, vielleicht gar nicht so unwahrscheinlich. Allerdings glaube ich viel mehr, dass einfach die Erlebnisse und Traumata der Geflüchteten oft sehr Ähnlich sind. Da es auch kein autobiographischer Roman ist, denke ich nicht, dass die Autorin diese Geschichten eins zu eins übernommen hat und darum Ähnlichkeiten, wahrscheinlich eher zufällig sind.

Der Roman hat zwar nur 150 Seiten, aber die Autorin schreibt sehr dicht und ich fand die Länge genau richtig um nicht zu sehr in die einzelnen Szenen abzuschweifen. Somit ergibt sich ein schönes passendes Gesamtbild.

PS. Ich glaub dass dieses Buch auch ein guter Tipp für die Debüt-Preis-Shortlist des österreichischen Buchpreises ist. Ich bin dann im Herbst gespannt, ob diese Einschätzung zutreffend war.

Zusammenfassung

Titel: Reibungsverluste

Autorin: Mascha Dabić

Herausgeber: Edition Atelier

Erschienen: 2017

Besprochene Ausgabe: Hardcover  978-3-903005-26-6

Seitenzahl: 152

 

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[Rezension] Wie Dramen entstehen- John von Düffel, Klaus Siblewski https://wortlichter.com/rezension-wie-dramen-entstehen-john-von-dueffel-klaus-siblewski https://wortlichter.com/rezension-wie-dramen-entstehen-john-von-dueffel-klaus-siblewski#comments Tue, 20 Jun 2017 17:51:26 +0000 https://wortlichter.com/?p=578 Kennt ihr das Phänomen, dass ihr einem Thema immer und überall wiederbegegnet? Und es geradezu danach schreit, dass man sich damit beschäftigen soll? Mir ging es so mit dem Thema Theater, dass plötzlich überall aufgetaucht ist. Es fing damit an, dass ich viele dramatische Werke gelesen habe, aber auch sonst bin ich dem Thema überall …

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Kennt ihr das Phänomen, dass ihr einem Thema immer und überall wiederbegegnet? Und es geradezu danach schreit, dass man sich damit beschäftigen soll? Mir ging es so mit dem Thema Theater, dass plötzlich überall aufgetaucht ist. Es fing damit an, dass ich viele dramatische Werke gelesen habe, aber auch sonst bin ich dem Thema überall begegnet.
Ich fand also Interesse daran mich näher mit dem Thema zu beschäftigen und war mir sicher: das ist ein Thema was vielleicht nicht unbedingt nahe liegt, aber von dem ich viel lernen kann, besonders bezüglich des Schreibens. Ich wollte also wissen, wie Theaterstücke entstehen und wie man dramatische Texte schreibt.

Schreiben für das Theater:

Das Schreiben für das Theater ist natürlich ganz anders, als einen Roman zu schreiben. Man denkt dabei nicht nur an einen stimmigen Handlungsverlauf, sondern hat gleichzeitig sowohl Schauspieler, Bühne und Publikum im Hinterkopf. Man schreibt nicht, um gelesen zu werden, sondern man schreibt, damit das Stück aufgeführt wird. Ein Theaterstück besteht dazu nur aus Dialogen und Monologen und allein das ist eine ziemliche Herausforderung. Man achtet beim Schreiben besonders auf den Spannungsbogen und auf die Sprache.

Im Buch “Wie Dramen entstehen” geht es aber nicht direkt um das handwerkliche Schreiben. Vielmehr geht das Buch der Frage nach, was alles dazugehört und wie der Entstehungsprozess eines Theaterstücks abläuft. Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil schreibt John von Düffel über Schauspieler, Inhalte, Spannungsaufbau und Schreibprozess. Im zweiten Teil von Klaus Sibleweski, geht es dann um Aufführung, Inszenierung und Publikum.

Dramen und Dramatik:

Was ich an der Lektüre des Buches besonders interessant fand, war dass ich viel über Dramatik und Spannungserzeugung lernen konnte. Natürlich ist die Perspektive auf das Theater gelegt, welches eine ganz eigene Dynamik hat. Trotzdem fand ich gerade diese Dynamik unheimlich lehrreich und ich habe viele Anknüpfungspunkte gefunden, die man auch beim normalen Schreiben umsetzen kann.
Mir ist klar geworden, dass der Stil, der eigentlich für Dramen gedacht ist, zu einem großen Ausmaß meiner Vorstellung vom idealen Schreibstil entspricht. Ich bin ein großer Fan von Verdichtung, Dramatik und Spannung.

Wir haben bestimmte Erwartungen, an ein Theaterstück, aber auch an Romane. Spannend wird es, wenn diese Erwartungen differenziert werden und nicht alles vorhersehbar ist. Theater ist ein Spiel mit den Möglichkeiten, mit Denkweisen und mit den tiefsten und schrecklichsten Krisen der Menschlichkeit. Theaterstücke verlangen den Figuren meist alles ab. Und das finde ich sehr faszinierend. Die Erfahrungsräume beim Theater reichen oftmals viel tiefer als in Romanen. Das Theater stellt die großen Fragen des Lebens, wie im Faust, oder wagt sich in ganze neue, durchaus auch abstrakte, performative und künstlerische Gefielde.

Figurenentwicklung und Hintergrund:

Die vielen Beispiele von Theaterstücken und ihren Besonderheiten, fand ich auch sehr spannend. Die Vorstellung, dass meine Figuren wie die Schauspieler auf der Bühne, ihr volles Potential nutzen sollten und ihren Charakter durch ihre Handlung und ihre Dialoge voll zum Ausdruck bringen sollten, ist auch eine gute Erinnerung, für mein Romanprojekt. Besonders schön fand ich die Beschreibung, dass man mit jedem Dialog vollkommen in dem Charakter aufgeht und dann wie beim Ping Pong, den größtmöglichen Einfluss ausspielt und wieder beim nächsten Satz, beim nächsten Charakter ansetzt und man als Autor nun das Geschehen plötzlich wieder aus der gegnerischen Perspektive betrachtet, um wiederum das größtmögliche Potential des anderen Charakters zu nutzen.
Kenne deine Figuren- ich ertappe mich auch oft dabei, im Kopf meine Figuren in imaginären Dialogen aufeinander treffen zu lassen, um zu sehen, wie sich das Ganze entwickelt und wie die einzelnen Charaktere wohl aufeinander reagieren würden, auch wenn diese Stellen im Buch vielleicht gar nicht vorkommen.

Ich denke dass besonders Autoren und Schriftsteller viel vom Theater lernen können. Vielleicht bekommt ja auch der ein oder andere Autor Lust darauf ein Theaterstück zu schreiben. Für mich wäre das auf jeden Fall ein sehr reizvoller Gedanke für die Zukunft, weil Theater einfach um so viele Ebenen weiter geht als nur ein Buch. Es hat für mich so viel mehr Potential für künstlerischen Ausdruck. Ich denke auch Inszenierungen mit verschiedenen Menschen, die an einem solchen Projekt mitarbeiten, sind sicher sehr spannend.

Zusammenfassung

Titel: Wie Dramen entstehen

Autor: John von Düffel, Klaus Siblewski

Herausgeber: Luchterhand

Erschienen: 2012

Besprochene Ausgabe: Softcover ISBN: 978-3630873640

Seitenzahl: 288

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[Rezension] Die Frauen von Algier – Assia Djebar https://wortlichter.com/rezension-die-frauen-von-algier-assia-djebar https://wortlichter.com/rezension-die-frauen-von-algier-assia-djebar#comments Sun, 04 Jun 2017 16:50:13 +0000 https://wortlichter.com/?p=549 Für meine Frauen-Lese-Challenge habe ich mir dieses Mal ein Buch herausgesucht, was mit einem Nicht-Westlichen Hintergrund geschrieben wurde. Assia Djebar hat “Die Frauen von Algier: Erzählungen*” bereits 1980 geschrieben und stützt sich auf das Algerien der späten 50er bis 70er Jahre. Das Buch beruht auf ihren eigenen Beobachtungen und Erfahrungen. Einen Roman über algerische Frauen zu …

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Für meine Frauen-Lese-Challenge habe ich mir dieses Mal ein Buch herausgesucht, was mit einem Nicht-Westlichen Hintergrund geschrieben wurde.

Assia Djebar hat “Die Frauen von Algier: Erzählungen*” bereits 1980 geschrieben und stützt sich auf das Algerien der späten 50er bis 70er Jahre. Das Buch beruht auf ihren eigenen Beobachtungen und Erfahrungen. Einen Roman über algerische Frauen zu lesen, war für mich sehr interessant. Es ist auch das einzige Buch einer algerischen Autorin, welches mir einfällt- zumindest auf Deutsch. Wer jetzt aber nette orientalische Geschichten erwartet, den muss ich leider enttäuschen, denn dieses Buch ist ziemlich heftig in seiner Intensität.

Hintergrund:

Algerien wurde im letzten Jahrhundert durch mehrere schwere Kriege geprägt. Da ist zum einen die lange französische Kolonialherrschaft, die im algerische Unabhängigkeitskrieg mündete, die tiefe Narben in der algerischen Bevölkerung hinterlassen hat und der später herrschende Bürgerkrieg in den 90ern. Diese Informationen sollte man bei jeder Lektüre über Algerien auf jeden Fall im Hinterkopf haben, denn im Gegensatz zu anderen Ländern, die nach dem zweiten Weltkrieg und der Unabhängigkeit relativ stabil blieben, litt Algerien Jahrzehnte unter Krieg und Instabilität. Somit haben diese Erlebnisse natürlich das Land geprägt und mehrere Generationen haben unter Gewaltherrschaften gelitten. Während die älteren Generationen den Algierienkrieg mit Frankreich erlebten (1950 bis 1962), wo Frankreich Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen begangen hat, erlebte die junge Generation dafür den algerischen Bürgerkrieg, welcher 1991 begann und bis in die 2000er stark ausgeprägt war und bis heute in abgelegenen Regionen weiterbrodelt.

Ich finde dieser kleine geschichtliche Exkurs, ist wichtig beim Verständnis der Lektüre, die nämlich genau in der Zeit dazwischen angesiedelt ist. Das Buch ist geprägt von alten Wunden und Erfahrungen aus dem Unabhängigkeitskrieg und der algerischen Kultur. Das Augenmerk liegt vor allem auf den Frauen und wir lernen in mehreren Erzählungen verschiedene Frauen und ihre Leben kennen.

Frauen im Krieg und danach:

Das Buch besteht aus zwei Teilen: Heute und Gestern, die jeweils Erzählungen von Frauen nach dem Krieg und während des Krieges enthalten.

Die Erinnerungen der Figuren wirken an manchen Stellen, fast wie Halluzinationen. Träume, Fieberwahn, traumatische Erinnerungen und Klagelieder werden in den Erzählungen verwoben. Der Stil ist ganz anders, als man es gewöhnt ist.

“Wo seid ihr, Feuerträgerinnen, ihr meine Schwestern, die ihr die Stadt hättet befreien müssen” (Assia Djebar: Die Frauen von Algier, S.65)

Immer steht die Frau im Mittelpunkt: Frauen zwischen idealisierten Frauenkörpern, dem Traum des Orients und Folter, Vergewaltigung und Widerstand. Das Buch ist sicher keine Unterhaltungslektüre und liegt schwer im Magen. Nachts lag ich noch wach um über die Sätze und Erfahrungen dieser Frauen nachzudenken. Manche Sätze musste ich mehrfach lesen und fand darin mehrere Bedeutungsebenen.

Es ist auch eines der wenigen Bücher, welches sich explizit den weiblichen Erfahrungen des Krieges widmet. Bücher über den Krieg, das bedeutet meist Geschichten von Sieg und Niederlage, Geschichten von Soldaten, von Männern und ihren Schicksalen. Doch selten wird das Schicksal der Frauen im Krieg thematisiert. Frauen schweigen auch sehr oft über ihre Erfahrungen, doch hier nicht.

“Und jene Frauen, die schließlich am Leben geblieben sind, wie es so schön heißt, die vergitterte Gefängnisse durchlebt haben, dann die Käfige der Erinnerung, dann…(sie weint) dann wie ich die Fieberphantasien […] -sind sie wirklich am Leben geblieben?” (Assia Djebar: Die Frauen von Algier, S.66)

Worte und Sprache, unverschleiert:

Auch die Frauenkörper nehmen einen großen Teil der Auseinandersetzung ein, Einblicke ins Hamam, verschleiert, unverschleiert. Und am Ende habe ich jedoch das Gefühl, dass es gar nicht um den Schleier an sich geht, sondern in diesem Zusammenhang ein Sinnbild dafür ist, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten und ablegen zu können und endlich wieder klar zu sehen und zu leben.

Dieses Buch hat eine ganz besondere Art zu erzählen, fast schon als würde die Autorin diese Geschichten über die algerischen Frauen, nur mir erzählen.  Als sitze sie in meinem Raum und bringt mir Vertrauen, Schwesterlichkeit und eine Offenheit entgegen, wie man sie nur unter Frauen vorfinden kann. Es sind Geschichten von Frauen für Frauen, die nach meinem Empfinden sehr intim und weiblich erzählt sind und all die schrecklichen Erfahrungen und Traumata in Worte fasst, die man kaum in Worte fassen kann.

“Ich sehe für uns keinen anderen Ausweg als eine solche Begegnung: eine Frau, sie sich vor einer anderen, sie aufmerksam beobachtet, ausspricht. Die Sprechende- erzählt sie von der anderen mit den glühenden Augen, den düsteren Erinnerungen, oder beschreibt sie ihre eigene Nacht, mit Worten wie Fackeln oder Kerzen, deren Wachs zu schnell schmilzt?  (Assia Djebar: Die Frauen von Algier, Seite 69)

Zusammenfassung

TitelDie Frauen von Algier: Erzählungen*

Autorin:  Assia Djebar

Herausgeber: Fischer

Erschienen: 2011 (erstmals in Deutsch: 1999)

Originalausgabe: erschienen 1980 in Französisch (Paris)

Besprochene Ausgabe: Taschenbuch  ISBN: 978-3-579-08534-0

Seitenzahl: 207

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