[Rezension] Traurige Freiheit -Friederike Gösweiner

Traurige Freiheit

 

Ich freue mich, dass ich euch heute das Buch vorstellen kann, welches den österreichischen Debüt-Preis 2016 gewonnen hat. Ich habe mich sehr gefreut, dass das einzige nominierte Buch, was ich von der Debüt-Shortlist gelesen habe, tatsächlich gewonnen hat. Da freut man sich doch gleich doppelt.

Generation Praktikum und Leistungsgesellschaft

Die Heldin Hannah ist eine typische Vertreterin der heutigen Generation um die 30. Da ich mich Selbst, auch dazu rechne, habe ich gehofft mich mit der Protagonistin identifizieren zu können. Schon am Anfang war klar, dass aus uns keine Freundinnen werden. Die extreme Negativität und Lethargie haben mich fast in den Wahnsinn getrieben. Am liebsten hätte ich die Hauptfigur gepackt und mal richtig durchgeschüttelt. „Wach auf, und werde dir einmal bewusst!“, hätte ich ihr am liebsten gesagt.

Ich lese natürlich auch gerne Geschichten, von Figuren, die ganz anders sind, als ich. Das macht ja auch den Reiz von Geschichten aus, in andere Leben einzutauchen. In diesem Buch tauchen wir also in das Leben von Hannah ein, die von Österreich nach Berlin zieht um ihre Karrierepläne für den Journalismus zu verfolgen, denn sie hat dort einen Volontäriatsplatz bekommen. Doch statt Erfolg zu haben, läuft es immer schlechter und auch ihre Beziehung hat sie mehr oder weniger für ihre Pläne und Vorstellungen vom Leben in Berlin, auf Eis gelegt. Doch konkret wird bei ihr nichts. Sie schafft es nicht, sich auf etwas festzulegen. Weder ihre Beziehungen, noch ihre Karriere verfolgt sie wirklich konsequent. Stattdessen scheint Hannah von den vielen Möglichkeiten des Lebens überfordert zu sein und sich einsam zu fühlen, obwohl sie sich Selbst für diesen Weg entschieden hat.

„Und sonst wartete nichts auf sie und es rief auch niemand an, um zu fragen wo sie blieb.“ (Traurige Freiheit, Friederike Gösweiner, S. 28 Ebook)

Scheitern an den vielen Möglichkeiten

Ständig wird sie dabei von Versagensängsten geplagt und ihre Gedanken drehen sich um das Scheitern, oder das was die Protagonistin dafür hält. Denn für wirkliche Probleme, geht es ihr viel zu gut. Was Hannah fehlt ist Lebenserfahrung, Dankbarkeit und eine Portion Siegeswille. Das Thema Fallen kommt immer wieder vor. Die Figur hat Angst vor dem Fallen, vor dem Versagen und der Leere, in die sie stürzt. Von harter Arbeit, ist sie allerdings auch weit entfernt. Selbst beim Vorstellungsgespräch, gibt sie sich zwar Mühe, aber sie versucht zwanghaft, dem Durchschnitt zu entsprechen und traut sich keinerlei Widerspruch oder Einzigartigkeit zu. Das die Ergebnisse ihrer Bemühungen, ebenfalls nur so dahin plätschern und keinen wirklichen Erfolg zeigen, wundert kaum.

„Alles war möglich, immer wieder hatte sie das gehört. Aber nie hatte sie daran gedacht, dass das auch das Scheitern implizierte. Niemand dachte daran, dass auch das Scheitern eine Möglichkeit war. Wenn alles möglich war, war eben auch das Verlieren möglich. Wie konnten das alle nur vergessen? Wie konnte man denken, dass es immer nur die anderen treffen würde?“ (Traurige Freiheit, Friederike Gösweiner, S. 49-50 Ebook)

Hannah will alles auf einmal und hat doch nicht den Mut und die Energie dafür, etwas aus ihren Chancen zu machen. Stattdessen steigert sie sich in den Gedanken hinein, dass sie zu den Verlierern der Gesellschaft gehört. Und spätestens an diesem Punkt musste ich seufzen: Mädchen. Man ist doch keine Verliererin, nur weil man keine Karriere macht. Das Leben bietet doch soviel mehr. Ein Job, eine Wohnung, genug zu Essen, das ist mehr als 80 % der Menschen auf dieser Welt besitzen. Aber wahrscheinlich bringe ich hier auch als Sozialarbeiterin eine ganz andere Perspektive auf das Leben mit.

Ein Buch für eine ganze Generation

Das Tolle an dem Buch ist, dass ich in jeder Szene, meine Generation wiedererkenne und viele Sätze mich im Inneren berühren und auch ein bisschen provozieren, weil ich es manchmal anders sehe. Ich denke, dass man sich gut über das Buch austauschen kann, unter Freundinnnen, besonders für diejenigen, die meiner Generation angehören. Mir gefällt auch, dass sich dieses Buch anders anfühlt, als die Anderen. Es wird hier nicht zwanghaft versucht etwas zu verschönern, sondern gezeigt wie sich hausgemachter Leistungsdruck anfühlt: ehrlich, erdrückend und trist.

Die Sprache des Buches ist solide und einfach gehalten. Ich habe das Buch in der Straßenbahn gelesen, auf dem Weg in die Arbeit, wo man schnell abgelenkt ist und darum eine leichte Lektüre braucht. Es gibt keine überflüssigen Schnörkeleien und es ist eine Sprache, die jeden anspricht. Sie ist verständlich und erinnert mich an den Journalismus: klar und direkt. Besonders schön daran: Die Protagonistin ist auch Journalistin, hier passt also Sprache und Inhalt wirklich gut zusammen.

Für den österreichischen Debüt-Preis, hätte ich trotzdem ein höheres sprachliches Niveau erwartet. Denn meiner Meinung nach, gibt eine besondere Sprache, dem Buch einen einzigartigen Charakter und erweitert es, um die sprachlich poetische Ebene. Hier steht das Buch im Kontrast zur Gewinnerin des regulären österreichischen Buchpreises 2016: Friederike Mayröcker, die besonders durch ihre außergewöhnliche Poesie besticht. Diese poetische Ebene hat mir hier etwas gefehlt, wobei ich nicht sicher bin, in wie weit man diesen Anspruch bei den anderen beiden nominierten Werken findet. In allem ist „Traurige Freiheit“ auf jeden Fall ein sehr stimmiges Gesamtwerk, was ganz jung, aktuell und frisch für eine ganze Generation, mit ihrem Lebensgefühl in der heutigen Leistungsgesellschaft spricht.

Zusammenfassung

Traurige Freiheit*

Titel: Traurige Freiheit

Autorin:Friederike Gösweiner

Erschienen: 2016

Besprochene Ausgabe: Ebook (auch erhältlich als gebundene Ausgabe: ISBN: 978-3854209768, Droschel Verlag)

Seitenzahl: 144

Fazit: Bewegende Geschichte über unsere Generation und das Scheitern in der Leistungsgesellschaft

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6 thoughts on “[Rezension] Traurige Freiheit -Friederike Gösweiner

  1. Liebe Anja,

    ich dachte mir bei den ersten Sätzen deiner Generation auch: „Oh, das könnte ein Buch sein, mit dem ich mich identifizieren könnte.“ Leider vereint es für mich nach dem Lesen der Rezension einmal wieder die negativen Aspekte der Generation Y. Überhaupt: Generation Y Momentaufnahmen, Kritik oder Vergleiche mit anderen Generationen werden scheinbar nie alt. Wobei ich mich in diesem Punkt nicht ausschließen kann, da ich auch Generation Y-bezogene Texte geschrieben habe und vielleicht schreiben werde, wenn es die Umstände meiner Meinung nach erfordern.

    Trantüten kann ich überhaupt nicht leiden und mit der Handlung einer Protagonistin, die sich trotz vieler Möglichkeiten nicht richtig entscheiden kann/mag, verbunden mit ihrem eigenen undankbaren Charakter, der durch Gesellschaftskonzepte wie Erfolg geprägt ist, kann ich persönlich nicht viel anfangen.

    Das Buch ist mir unsympathisch und ich würde kein Geld dafür ausgeben. Deine Rezension fand ich dagegen mal wieder einmal superb.

    1. Liebe Anna,

      Ich finde das Buch trotzdem gut, weil es genau die Realität abbildet und die Denkweisen, die sehr viele in unserer Generation antreiben. Ich habe sogleich Personen und Bilder im Kopf beim Lesen. Es fühlt sich unheimlich vertraut an, so wie dieses ganze Lebensgefühl, was uns umgibt. Auch wenn es nicht mein Gefühl ist, so steht es stellvetretend für ganz viele von uns. Es ist einfach ehrlich und direkt. Leider leben wir in genau dieser Leistungsgesellschaft, in der junge Menschen an diesem Druck und den Versagensängsten zerbrechen, die überhaupt nicht nötig sind.

      Liebe Grüße, Anja

  2. Das Buch ist sehr gut und trifft die Situation sehr gut. Es zeigt, glaube ich, auch sehr anschaulich, wie leicht man in eine Depression fallen kann, die „objektiv“ betrachtet, vielleicht gar nicht so nötig wäre, aber zwanzig gut ausgebildete Leute zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen, sie mit einer Flasche Wasser und einem Schokoriegel durch einen Aufgabenparcour zu hetzten, wo dann nur einer oder vielleicht auch drei das unbezahlte Praktikum bekommt, ist mir zwar unsympathisch, aber, wie ich höre Realität“
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/11/04/traurige-freiheit/

    1. Naja, ich sehe das etwas zwiespältig, wenn man Journalistin als Traumberuf hat, weiß man ja worauf man sich einlässt, da wäre sie vielleicht besser in der Verwaltung aufgehoben gewesen. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass sich Hannah überhaupt große Mühe gibt, viel mehr dass sie sich nichts zutraut. Denn wieso bewirbt sie sich schon wieder für ein Volontariat? Sie hatte doch bereits welche absolviert. Sie ist ja nicht einmal frisch von der Uni. Sie könnte auch ohne Probleme als freie Journalistin arbeiten, da muss sie halt jede Woche wieder um neue Aufträge kämpfen oder sich auf eine richtige Festanstellungen bewerben.
      Sie hätte auch Teilzeit etwas Anderes arbeiten können und die andere Hälfte als freiberufliche Journalistin füllen können. Oder ihr Glück in einem anderen Beruf versuchen können. Aber niemand wird einen den perfekten Job auf dem Silbertablett servieren. Es gibt Menschen, die nie in ihrem Traumjob arbeiten können und es gibt Menschen, die Tag für Tag die schwersten körperlichen Arbeiten verrichten und von so einem Leben überhaupt nur träumen können.

      Ein unbezahltes Praktikum hätte ich mir niemals leisten können. Was hätte ich dann essen sollen? Ich habe schon während des Studiums Teilzeit gearbeitet und mir alles selbst finanzieren müssen. Mich nur auf eine Sache zu konzentrieren, war ein Luxus den ich mir nie leisten konnte. Aber vielleicht bin ich deswegen ja auch härter im Nehmen 🙂
      Wer sich ein Praktikum leisten kann, dem kann es schonmal nicht so schlecht gehen. Und was die Firmen-Seite dazu anbelangt: Ich finde Praktika durchaus legitim, wenn man es nutzt zum Hereinschnuppern, vielleicht zwei bis vier Wochen, oder einen Tag in der Woche. Immerhin müssen Mitarbeiter ja angelernt werden und wenn man dann nach 2 Wochen wieder weg is, bringt das dem Betrieb ja nichts. Aber als Vollzeit über mehrere Monaten, wo man die selben Aufgaben übernimmt, wie ein normaler Mitarbeiter, das ist es einfach Ausbeutung.

      Lg, Anja

  3. es klingt sehr interessant auch mal eine Rezension zu lesen die ein Buch solchen Inhalts nicht hochlobt sondern auch die negativen unschlüssigen Handlungen der Protagonistin beschreibt. Karriere machen heisst schliechlich nicht alles im Leben sondern leben mit seinen Möglichkeiten und nicht umsetzen können, es ist weitaus verbreiteter als mancher Leser denkt.
    Eine gute Rezensium zu einem interessant klingenden Buch…
    lieben Gruß von einer, die bleibt (und nicht nur aus diesem Grund:))
    Angelface

    1. Liebe Angelface,
      Danke dir für deinen Besuch und deinen Kommentar 🙂
      Ich denke diese Karriere-Sache ist ein Luxus-Problem. Es gibt immerhin genügend Menschen, die sich nicht aussuchen können, was sie arbeiten, oder froh sind, überhaupt sich Selbst ernähren zu können und dann gibt es noch Menschen, die nicht einmal das schaffen.
      Außerdem verstehe ich auch nicht die Einstellung der Protagonistin, dass sie sich keine Mühe gibt und keine Alternativen hat. Von Nichts kommt nun mal Nichts. Und das sehe ich irgendwie bei vielen der Generation Y, dass sie denken, nur weil sie eine gute Ausbildung haben (was ja eig. auch ein Privileg ist), muss ihnen alles zufallen. Ja, so funktioniert das leider nicht. Die meisten haben einfach nie gelernt, hart für etwas zu Arbeiten. Es ist nicht alles selbstverständlich im Leben. Aber vielleicht ist das auch so ein Freiheit vs. Sicherheit-Dings. Sie wollen die Freiheit, sind aber nicht bereit die Sicherheit dafür aufzugeben und beides zusammen funktioniert eben nicht gut.

      Liebe Grüße, Anja

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