[Rezension] Reibungsverluste- Mascha Dabić

Die Flüchtlingskrise aus der Sicht einer Dolmetscherin

Viele Bücher erscheinen derzeit, die das Thema Flucht behandeln. Mascha Dabićs neuer Roman “Reibungsverluste*” behandelt das Thema aus einer kaum behandelten Perspektive: die Sicht der Dolmetscherin.
Es geht nicht primär um die Erfahrungen der Flüchtlinge sondern darum, wie jemand aus unserer Gesellschaft,  diese Begegnungen erlebt. Als Dolmetscherin ist die Protagonistin Sprachrohr für diese Menschen, ohne Selbst jedoch am Geschehen beteiligt zu sein. Sie vermittelt das Gesagte zwischen zwei Parteien und versucht dabei möglichst wenig Verluste zwischen der Bedeutung der Sprache zu erzeugen. Sie Selbst hat auch kaum Möglichkeit einen eigenen Kontakt herzustellen. Es sind die Anderen, die durch sie sprechen. Doch was macht das mit ihrer Person?

Die Sprache ohne Reibungsverluste fließen lassen

Die Protagonistin bewegt sich zwischen Ohnmacht und Perfektionismus. Während einer Beratung, bleibt sie professionell, distanziert. Doch wenn sie schriftliche Berichte über Folterungen übersetzen muss, kommt ihr das Geschehen zu nahe. Sie ist nicht mehr die unbeteiligte Dritte, sondern steht allein dem Text gegenüber und wird von seiner Gewalt erfasst.

Der Roman behandelt das seltene Thema, wie es Menschen ergeht, die täglich mit Gewalt und Traumata im Rahmen ihrer Arbeit zu tun haben. Hier steht nicht der Traumatisierte, sondern der Helfende im Mittelpunkt. Von indirekter Traumatisierung sind besonders Berufsgruppen im sozialen Bereich betroffen, aber auch Polizisten, Sanitäter und andere helfende Berufe, finden sich in diesem Kontext wieder. Es ist ein täglicher Kampf zwischen Abgrenzung und Burn Out. Mascha Dabić ist eine sehr reflektierende Erzählerin. Wie ergeht es einer jungen Dolmetscherin mit diesen Erfahrungen, die jeden Tag durch sie hindurchlaufen, wie durch ein Sprachrohr?

Mascha Dabić ist selbst Dolmetscherin für Flüchtlinge, allerdings ist ihr Roman nicht autobiographisch. Die Abläufe, Geschichten und Schwierigkeiten des Dolmetschens, werden jedoch sehr authentisch vermittelt. Als Übersetzerin hat sie schon mehrere Werke übersetzt, dies ist ihr erster eigener Roman.

Eigenes Fazit

Ich musste beim Lesen oft Schmunzeln, da ich Selbst im Flüchtlingsbereich arbeite und mir viele Szenen bekannt vorkamen. Ich bin allerdings diejenige, in deren Beratung die Dolmetscherin sitzen würde. Durch den Roman, habe ich sicher unsere Dolmetscher ein bisschen besser verstanden, denn es muss wirklich ziemlich anstrengend sein, so gar keinen Handlungsspielraum zu haben. An vielen Stellen hat mich der Roman schon fast gelangweilt, weil es einfach so genau meinen Berufsalltag wiedergibt, den ich jeden Tag erlebe. Aber für Menschen, die damit nichts zu tun haben, ist es sicherlich sehr spannend zu lesen.
Manchmal hatte ich auch sofort Bilder  und Personen im Kopf, die ähnliche oder sogar die gleichen Erlebnisse hatten. Die Authentizität des Romans ist also sehr hoch. Dabei habe ich mich natürlich automatisch gefragt, ob es sich nicht vielleicht sogar um die selben Personen handelt. Das wäre angesichts der Tatsache, dass Mascha Dabić auch in Wien wohnt, vielleicht gar nicht so unwahrscheinlich. Allerdings glaube ich viel mehr, dass einfach die Erlebnisse und Traumata der Geflüchteten oft sehr Ähnlich sind. Da es auch kein autobiographischer Roman ist, denke ich nicht, dass die Autorin diese Geschichten eins zu eins übernommen hat und darum Ähnlichkeiten, wahrscheinlich eher zufällig sind.

Der Roman hat zwar nur 150 Seiten, aber die Autorin schreibt sehr dicht und ich fand die Länge genau richtig um nicht zu sehr in die einzelnen Szenen abzuschweifen. Somit ergibt sich ein schönes passendes Gesamtbild.

PS. Ich glaub dass dieses Buch auch ein guter Tipp für die Debüt-Preis-Shortlist des österreichischen Buchpreises ist. Ich bin dann im Herbst gespannt, ob diese Einschätzung zutreffend war.

Zusammenfassung

Titel: Reibungsverluste

Autorin: Mascha Dabić

Herausgeber: Edition Atelier

Erschienen: 2017

Besprochene Ausgabe: Hardcover  978-3-903005-26-6

Seitenzahl: 152

 

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