[Rezension] Heinreich Heine- Die Harzreise

Eine bittere aber humorvolle Satire über den Harz

Heinrich Heine nimmt uns mit auf seine Harzreise* und hält dabei kein Blatt vor den Mund. Wir starten in Göttingen und folgen dann Heine über den Brocken bis nach Weimar. Dabei begegnen wir nicht nur allerlei Menschen und Ortschaften, sondern bekommen auch einen Einblick, was Heine von Ihnen hält. Sein Blick ist detailreich, kritisch und ironisch. Er nimmt alle Städte und Dörfer aufs Korn, hat aber viel für die Natur übrig. Mit romantischen Blick und scharfer Schreibfeder, erleben wir die Harzreise als Reisebericht der besonderen Sorte. Leicht und locker baut Heine auch immer wieder Gedichte in den fließenden Text ein.

Gleich der erste Satz, der wohl der bekannteste aus dem Buch ist, gibt die Richtung vor und zeigt uns, was Heine von Göttingen hält:

„Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität […]“

Neben scharfer Kritik an Städten und Zeitgenossen, hat Heine aber auch den Blick für das Besondere und Romantische. So schreibt er wundervolle Naturbeobachtungen oder besucht die Bergleute, die seinen großen Respekt bekommen.

„Allerliebst schossen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte Tannengrün. Eine natürliche Treppe bildeten die Baumwurzeln. Überall schwellende Moosbänke; denn die Steine sind fußhoch von den schönsten Moosarten, wie mit hellgrünen Sammetpolstern, bewachsen. Liebliche Kühle und träumerisches Quellengemurmel“

In meiner Ausgabe von Fischer Klassik ist auch noch ein Nachwort zur Harzreise enthalten, was beim Verständnis hilft. Dort sind auch die Lebensdaten von Heine aufgelistet. Danach gibt es einen Auszug aus Kindlers Literaturlexikon. Es war sehr schön nach dem eigentlichen Text noch mehr Hintergrundinformationen zu lesen und das Gelesene nochmal zu reflektieren, denn ich habe jetzt das Gefühl Heine in seiner Gedankenwelt noch besser zu verstehen.

Ich habe mich für die Fischer-Ausgabe entschieden, weil mir das Cover gleich ein Heimatgefühl vermittelt hat. Mit den Bäumen und den Bergen im Hintergrund, sieht es wirklich aus wie im Harz und ich habe sofort zugreifen müssen.

Heinrich Heine als heimatloser Wanderer, gezeichnet von seiner Zeit

Heines geistige Haltung und teilweise abwertender Schreibstil, war ein Ergebnis der Umstände, unter denen Heine sich befand. Da er Jude war und zu dieser Zeit die Juden in Deutschland bereits starker Diskriminierung ausgesetzt waren, fühlte er sich nie wirklich zu Hause in Deutschland.

Heine wuchs in relativ guten Umständen auf und hatte später auch einen sehr reichen Onkel, der ihn unterstütze. Eine Arbeit im Tuchhandel war ihm in die Wiege gelegt, allerdings hatte Heine wenig Interesse daran. Er versuchte sich an einer Universitätskarriere in der Rechtswissenschaft und besuchte auch die Literaturvorlesungen von Schlegel, welche ihn sehr prägten. Als Jude kam er jedoch als Jurist weder an der Universität noch in anderen hohen Position unter und als ihm diese Karriere verwährt blieb, beschloss er sein Geld als Schriftsteller zu verdienen. Dies war für einen Zeitgenossen wie ihn, eine sehr ungewöhnliche Berufswahl und sicher auch ein bisschen von seinem Trotz beeinflusst.

Sein Schreibstil war geprägt von der ständigen Anfechtung Heines. Heine war nicht nur heimatlos, sondern hatte höchstwahrscheinlich auch massive Probleme eine eigene Identität herauszubilden. Er konvertierte zum Christentum, weil er erhoffte, dass dies seine Chancen auf einen Lehrstuhl an der Universität erhöhen würde. Dies war jedoch nicht der Fall und Heine blieb immer zwischen den Stühlen, er fand keine tiefe Verbundenheit im Judentum und auch keine volle Akzeptanz in der deutschen Gesellschaft. Selbst als Christ, blieb er der „ewige Jude“.

Die ständigen Anfeindungen und Auseinandersetzungen mit seinen Zeitgenossen, führte zu einem sehr scharfen Schreibstil, der die Menschen nicht immer begeisterte, sondern ihm auch viel Kritik brachte. Seine Zeitgenossen kamen unter seiner Feder meist nicht gut weg. Letztendlich ging Heine nach Paris weil er sich dort wohler fühlte, als in Deutschland. Seine bekannte Abrechnung mit Deutschland ist im Buch: Deutschland. Ein Wintermärchen.* zu finden.

Faszinierendes Portrait über den Harz

Mich hat es fasziniert mehr über Heine zu erfahren, dessen Leben und Probleme mir ziemlich unbekannt waren. In der Schulzeit haben wir zwar einige Naturgedichte von Heinrich Heine gelesen, aber Daten zu seiner Biographie komplett ausgelassen und so hatte ich keine Vorstellung von seinem Schaffen.

Die Harzreise war für mich ein perfekter Einstieg. Da ich selbst aus dem Harz stamme, konnte ich mir alles sehr lebhaft und bildlich vorstellen. Ich musste oft Schmunzeln, wie aktuell Heines Berichte doch sind. Tatsächlich ist es bis heute so, dass sich die Mentalität der Menschen nicht stark geändert hat. Noch immer wird man als Fremder argwöhnisch betrachtet und noch immer, ist die Natur dort wahnsinnig beeindruckend. Die Dörfer sind zwar etwas in der Zeit stehen geblieben, aber gerade wegen der wundervollen Landschaft und den ganzen mythologischen Sagen, ist der Harz unbedingt eine Reise wert.
Mich hat Heines Schreibstil total begeistert, er ist zwar scharf und kritisch, aber im Gegensatz zu manchen satirischen Zeitgenossen, trotzdem sehr gut beobachtend, einfühlsam und auf einem hohen intellektuellen Niveau. Ich kann mir vorstellen, dass nicht alle Leser Freude an diesem Stil haben, aber wenn man sich darauf einlässt, kann man viel Entdecken.

Zusammenfassung

Titel: Die Harzreise

Autor: Heinreich Heine (geb. 1797)

Geschrieben: 1824

Erstmalig erschienen: 1826

Epoche: deutsche Romantik

Besprochene Ausgabe: Fischer Klassik, 2009, ISBN: 978-3-596-90214-9

Seitenzahl: 106 (143 mit Kommentar)

Fazit: Satirisches, und detailreiches Portrait über den Harz mit vielen Anspielungen und Verweisen

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4 thoughts on “[Rezension] Heinreich Heine- Die Harzreise

  1. Hallo Anja,

    eigentlich lese ich solche Bücher ja nicht. Doch Deinen Artikel zu dem Buch hat mich jetzt doch neugierig gemacht.

    Du beschreibst schön flüssig und kompakt das Buch und hast mir gezeigt, dass Heine doch ein Mensch ist mit dem ich mich sogar identifizieren kann. Hätte ich nie gedacht.

    Ich wusste einfach zu wenig über ihn und würde wahrscheinlich auch von alleine nicht den Zugang finden, mich mit alten Schriftstellern zu befassen.

    Ich werde mal verfolgen, was Du sonst noch beschreibst und so durch Dich in diese Szene einsteigen 🙂

    Lieber Gruß
    Verena

    1. Liebe Verena,
      Vielen Dank für deinen schönen Kommentar. Ich bin selbst überrascht, was doch alles in Heine steckte, da wir ihn in der Schule nur als romantischen Gedichte-Schreiber kennen lernten.
      Es ist schön wenn ich dich für einen Blick auf die Klassiker begeistern konnte. Es werden noch mehr folgen. Genau das ist mein Ziel, Aspekte und Denkweisen der Literatur aufzeigen, die inspirieren, zu Diskursen anregen und Lust darauf machen, zu Lesen und zu Schreiben.
      Liebe Grüße, Anja

  2. Liebe Anja,

    ich musste „Deutschland. Ein Wintermärchen“ auch in der Schule lesen und fand es damals sterbenslangweilig. Ich glaube aber, dass ich mich langsam mal wieder an ein paar klassische Reiseberichte herantrauen werde. Erst am vergangenen Wochenende war ich im Harz wandern. Da kam deine Rezension zur „Harzreise“ sehr passend. So richtig interessant werden Reiseberichte doch erst, wenn man entweder selbst schon vor Ort war oder plant dort hin zu reisen.

    Liebe Grüße
    Juliane

    1. Liebe Juliane,

      Wow, ich finde es super, dass ihr das Werk in der Schule behandelt habt. Es ist sehr schade, dass wir Heines Reiseberichte nicht in der Schule behandelt haben, besonders weil es um kritische Reflexion der Umwelt und Gesellschaft geht- Sowas finde ich unheimlich wichtig, um es Schülern zu vermitteln. Wir haben damals gar nichts in diese Richtung gelernt, im Gegenteil, es war absolut unerwünscht an unserer Schule etwas zu reflektieren, besonders im Deutsch und Geschichtsunterricht, wo es am Wichtigsten gewesen wäre. Die DDR haben wir zb. komplett ausgelassen, abgesehen von Mauerbau und Mauerfall, obwohl ich in der ehemaligen DDR zur Schule gegangen bin. Das Thema wurde einfach totgeschwiegen und viele andere auch.

      Liebe Grüße, Anja

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