[Rezension] Geschichten aus dem Wiener Wald- Ödön von Horváth

Kennt ihr die Geschichten aus dem Wiener Wald?* Als derzeitige Wahl-Wienerin bin ich an dem Klassiker von Ödön von Horváth einfach nicht vorbeigekommen. Ich habe ihn gelesen, ohne vorher etwas vom Inhalt zu wissen und war wirklich positiv überrascht. Wer jetzt aber bei Wiener Wald an Walzer und klassische Musik denkt, der hat auch nicht Unrecht, denn tatsächlich gibt es einen Walzer von Johann Strauß mit dem Namen „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Dieser Zusammenhang ist kein Zufall, sondern vom Autor beabsichtigt.
Ich habe euch das Musikstück mit Soundcloud verlinkt. Hier könnt ihr also gleich hineinhören und habt für die weiteren Ausführungen, eine musikalische Untermalung.

Hinter der Fassade des idyllischen Wiener Waldes

Wir haben es bei den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ mit einem klassischen dramatischen Werk zu tun. Es wurde Ende der 1920er von Ödön von Horváth geschrieben und 1931 erstmalig aufgeführt. Es spielt also zeitlich kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Der historische Hintergrund ist zwar zweitrangig bei der Geschichte an sich, allerdings sehr wichtig, wenn man mehr darüber nachdenkt, was diese Darstellung des alltäglichen Lebens, über die damalige Gesellschaft aussagt.

Es geht um eine junge Frau, namens Marianne, aus bürgerlichen Verhältnissen, welche einer Heirat mit einem vom Vater ausgewählten Mann entgehen will, in dem sie ihrem Herzen folgt und mit dem erstbesten Mann durchbrennt, der ihr über den Weg läuft und ihr Avancen macht. Diese Entscheidung war allerdings nicht gut durchdacht und hat schwere Auswirkungen auf ihr Leben, denn der wohlgesinnte Liebhaber, entpuppt sich schnell als heiße Luft. Statt in die Freiheit, rutscht die junge Frau immer tiefer in den Abgrund und wird besonders von den Männern immer schlechter behandelt. Dies nimmt so dermaßen schlimme Ausmaße an, dass man kaum weiter lesen will, da man ahnt, dass gleich noch etwas Schlimmeres passiert. Besonders die Entscheidung für ein selbstbestimmtes Leben lässt Marianne jegliche Unterstützung und Halt verlieren, da sie entgegen den Konventionen gehandelt hat und somit nichts besseres als das Unglück verdient hat.

Ein frau­en­ver­ach­tendes Stück

Besonders aus feministischer Sicht, ist dieses Stück, ein absoluter Horror. Stellenweise war ich echt entsetzt wie viel Missgunst Marianne, welche auf mich sehr liebenswürdig und freundlich wirkte, entgegen gebracht wird.

Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass genau das auch die Absicht des Autors war, den Abstieg einer jungen lebenslustigen Frau in aller Härte darzustellen, deren komplettes Leben von Männern dominiert und bestimmt wird. Sie selbst wird zum Spielball dieser alten und tief verwurzelten Hierarchien, während die wenigen anderen Frauen, die im Buch vorkommen, bereits deutlich älter sind und scheinbar ihren Platz in diesem Gefüge gefunden haben, in dem sie das Spiel zu ihren Gunsten ausnutzen. Das wogegen Marianne sich aussprechen will, nämlich eine Abkehr von der traditionellen Rolle, wird ihr zum Verhängnis und bringt sie erst Recht in Bedrängnis.

Die Geschichte ist eine Anspielung auf die heile Familienidylle der Vorkriegszeit, in der der gute Schein zählt, allerdings die Realität wenig wert ist. Der Blick hinter die Idylle zeigt die charakterlichen Abgründe der Menschen und ihrer Zeit.

Leserfahrungen

Ich finde, dass dieses Werk einfacher zu lesen ist, als man das vielleicht bei einem Klassiker erwartet. Das liegt sicher auch daran, dass dieses Stück erst im 20.Jahrhundert geschrieben wurde und wesentlich jünger ist, als die Stücke von Schiller und Co. Es gehört übrigens zur Epoche der neuen Sachlichkeit. Ich denke, dass dieses Theaterstück eine gute Gelegenheit ist, einmal etwas aus der Dramatik zu lesen, für Leser, die vielleicht sonst eher abgeschreckt sind.

Die Sprache ist hier sehr lebensnah und einfach verständlich. Das Buch ist auf dem ersten Blick vielleicht etwas übertrieben frauenfeindlich. Aber umso mehr ich darüber nachdenke und umso aufmerksamer ich lese, umso mehr Feinheiten und Anspielungen fallen mir auf. Sowohl auf die Wiener Lebenskultur, als auch auf die politische Stimmung der Vorkriegszeit und vielem mehr. Man bekommt sehr gut das Lebensgefühl dieser Zeit vermittelt. Das Ganze hat jedoch schon etwas von satirischer Überspitzung und Übertreibung ins Negative.

Vielleicht fällt mir die extreme Frauenfeindlichkeit auch nur auf, weil ich mich derzeit soviel mit Feminismus beschäftige. Ich lese gerade alle Bücher automatisch mit diesen ganzen Hintergedanken. Das zeigt mir auch, wie stark die Beschäftigung mit einem Thema in andere Bereiche und Bücher übergreift.
Falls ihr das Buch auch gelesen habt, würde mich interessieren, ob ihr das auch so wahrgenommen habt?

Es ist ein Buch, was in mir nachgehallt hat und mich dazu zwang, darüber nachzudenken. Ich finde es toll, wenn Werke das auslösen können und ich jetzt das Bedürfnis habe, diese Gedanken mit euch zu teilen.

Zusammenfassung

TitelGeschichten aus dem Wiener Wald: Volksstück in drei Teilen*

Genre: Klassiker/ Dramatik

Autor: Ödön von Horváth

Entstanden: Ende des 1920er

Uraufführung: 1931

Besprochene Ausgabe: Anaconda Verlag, Hardcover,  ISBN: 978-3866473843

Seitenzahl:96

Fazit: Die Abgründe hinter der scheinbaren Idylle des Wiener Waldes

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2 thoughts on “[Rezension] Geschichten aus dem Wiener Wald- Ödön von Horváth

  1. Dieses Stück hab ich vor ein paar Jahren im Theater gesehen. Die Inszenierung war recht modern und wir (4 Frauen aus dem Lesekreis) haben noch lange darüber diskutiert. Auf der Bühne hat man immer noch die Interpretation des Dramaturgen dazu und muss sich dann noch die eigene Sicht daraus ziehen. Ich empfand es als vielschichtig und könnte mir auch vorstellen mal das Stück selbst zu lesen.
    Viele Grüße
    Silvia

    1. Oh wie toll. Ja auf der Bühne entfaltet jedes Stück, nochmal seinen eigenen Charme. Immerhin sind solche Stücke ja auch für die Bühne geschrieben, das Lesen allein kann diese Erfahrung und Entfaltung des Stoffes, also gar nicht ganz herstellen. Das ist ja das spannende am Theater. Ich kann mir das Drama sehr gut auf der Bühne vorstellen, besonders als moderne Fassung.
      Liebe Grüße, Anja

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