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Rezension: Die Gabe von Naomi Alderman

Rezension: Die Gabe von Naomi Alderman

Die Gabe- schlechte Übersetzung des Titels.

Das Buch “The Power” von Naomi Alderman hat 2017 den Baileys Women’s Prize for Fiction gewonnen.
Damit kam dem Buch in der internationalen Presse viel Aufmerksamkeit zu Teil. Allerdings finde ich es schade, dass in den deutschen Medien nicht so viel berichtet wurde. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass man hier der Sache eher skeptisch gegenübersteht.
Bereits die Übersetzung des Titels “The Power” mit “Die Gabe”, wird der Sache nicht ganz gerecht. Besonders im Angesicht dessen, dass man auch gerne kurze einprägsame englische Titel oft gar nicht übersetzt, hätte man es vielleicht dabei belassen sollen. Andere Vorschläge wären von meiner Seite gewesen: Die Kraft, oder Die Macht. Scheint mir alles besser zu passen, als die Gabe.
Allerdings verstehe ich nach der Lektüre wahrscheinlich auch die Beweggründe, die für diesen Titel sprachen. Denn mit Vorranschreiten der Handlung, wird ein Handlungsstrang immer  ausgeprägter, in dem es um Religion geht und diese weibliche Kraft als eine Art Geschenk von Gott gesehen wird. Die Begabung der Frauen, als eine Art Gabe von Gott. Vielleicht spielt der Übersetzer ja darauf an.

Machtmissbrauch und Machtverhältnisse

Trotzdem denke ich, dass Die Kraft oder Macht besser gepasst hatte, denn dies ist nur eine Ebene des Buches und viel mehr geht es um Machtverhältnisse, auf ganz verschiedenen Ebenen. Politik, Religion, Persönliches, Familie, Abhängigkeiten, Kriminalität, Medien usw. Und in all diesen Bereichen bewegen sich die Figuren von Naomi Alderman.
Manchmal wird kritisiert, dass die Hauptfiguren alle zu negativ sind- eigentlich stellen sie fast alle Anti-Helden dar. Da gab es nicht viel Gegengewicht von Frauen, die etwas Gutes taten. Ich persönlich habe den Roman aber so gelesen: Jede dieser Figuren stand für mich für einen oder mehrere Bereiche des Machtmissbrauchs in der Gesellschaft. Durch die Überzeichnung der Charaktere und Geschehnisse, habe ich das Buch als satirischen aber intelligenten Gesellschaftsroman wahrgenommen.

Brutale Zukunftsvision

In der Geschichte geht es darum, dass in den Frauen eine besondere Kraft erwacht, Stromstöße auszusenden. Erst betrifft das nur einige wenige Frauen, doch dann werden es immer mehr und die Frauen können die Kraft auch in anderen Frauen erwecken.
Die ersten Frauen, die diese Kraft entwickeln, sind die, die es wohl am Nötigsten brauchen. Die misshandelten jungen Mädchen, die der Macht der Männer ausgeliefert sind. Sie lernen schnell damit umzugehen und sich zur Wehr zu setzen- und sie wollen Rache. Die ganze Welt gerät in den Ausnahmezustand und fängt an sich nun vor gewaltbereiten Mädchen zu fürchten.
Zu Beginn war ich doch etwas überrascht, was die Brutalität des Buches betrifft. Damit hatte ich nicht gerechnet und da es ja gerade im Buchblogger Bereich, Triggerwarnungen diskutiert werden: Hier wird sehr explizit Gewalt und sexueller Missbrauch dargestellt.
Besonders die englische Presse, betitelte das Buch als Dystopie. Obwohl die Ausgangslage: Ermächtige Frauen, wohl eher als Utopie aufgefasst werden könnte.

Umkehrung von Machtverhältnissen

Das Buch beschreibt in einer eindrucksvollen Weise, wie Machtdynamiken zwischen Männern und Frauen umgekehrt werden. Und wie absurd unsere heutige Welt ist, dass wird einem erst richtig klar, wenn man diese Umkehrung betrachtet.
Bei den gewaltbereiten Mädchen, müsste man als Mutter Angst haben, die minderjährigen Jungs überhaupt noch im Dunkeln allein vor die Tür zu lassen, heißt es im Buch. An einer anderen Stelle, als es um Vergewaltigung geht, meint die Frau, dass der Mann es so gewollt hätte und die Sache mit den  Stromstößen sexy fand. Absurd und wohl ziemlich verstörend für die männlichen Leser.
Allerdings eine Realität, die umgekehrt leider keine Seltenheit ist und auch kaum hinterfragt wird. Viele solcher bissigen Stellen gibt es im Buch.
Wahrscheinlich wird dieses Buch in der Presse als Dystopie beschrieben, weil es nicht optimistisch ist. Nein, hier kommen wir nicht in eine heile Welt, die von Frauen regiert wird. Die neue Welt ist genauso wie die Alte. Nur die Macht verschiebt sich.

Ist die Gabe eine Dystopie?

Naomi Alderman wurde gefragt, ob ihr Roman eine Dystopie ist. Sie hat sich dazu ausführich geäußert und im Guardian einen Artikel über Sci Fi Literatur und Feminismus geschrieben. Der Artikel ist wirklich lesenswert und danach weiß man auch mit guten Gewissen: Nichts in diesem Roman ist zufällig geschrieben. Naomi Alderman hat sich ausführlich mit diesem Thema beschäftigt.
Naomis bester Satz ist… frei übersetzt: “Wenn die Gabe eine Dystopie ist, dann leben wir jetzt bereits in einer Dystopie”
An vielen Stellen wird auch geschrieben, das Buch sei absurd, weil es keine richtige Zukunftsvision von starker Weiblichkeit zeigen kann. Und an dieser Stelle glaube ich auch, dass die Botschaft missverstanden wird. Nein, ich glaube, dass ist keine Zukunftsvision, sondern viel mehr ein Versuch dem Leser vor Augen zu führen, was bereits heute Realität ist.

Die Absurdität von jeglicher Art von Gewalt und Krieg

Wenn Frauen in den Krieg ziehen und Männer sich mit Gummisohlen bewaffnen, dann ist das nicht absurder als all die unnötigen Kriege, die bereits auf unserem Planeten geführt werden.
Und die exzessive Gewalt, die von Frauen ausgeht, nicht unrealistischer oder absurder als die exzessive Gewalt, die in derzeitigen Kriegen vor sich geht. Denn jegliche Realität ist viel grausamer, als dieser gedankliche Versuch die Machtverhältnisse umzudrehen.
Nur scheinen leider viele nicht begriffen zu haben, was bereits heutzutage in unserer Welt, in unserem Land, vor unserer Haustür bereits an Gewalt zu finden ist. Gewalt findet überall statt. Denn Gewalt ist Normalität, besonders männliche. Und ja ich sage absichtlich männliche Gewalt, denn so lange Millionen Frauen Gewalt von Männern erfahren, können wir das nicht schönreden. Nicht alle Männer sind Täter, manche ebenso Opfer und bei den Frauen auch anders herum. Man kann nicht pauschalisieren, man sollte sich aber bewusst sein, wieviele Frauen betroffen sind.
  • 40% der Frauen in Deutschland haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt.

Und Gewalt und Krieg sind Probleme, die uns alle betreffen, auch wenn wir persönlich nicht betroffen sind.

 Stimmen und Links zum Thema

Genauso diskussionswürdig wie das Buch an sich, sind die Stimmen.
Da findet man zb. Kommentare zu Rezensionen, die das Buch als radikal-feministischen Rachefantasie betiteln oder Leute die feststellen, dass die Sache mit der weiblich-männlichen Machtverteilung überhaupt nicht an der körperlichen Überlegenheit des Mannes liegt, sondern vielmehr an den mangelnden geistigen Fähigkeiten der Frau.
Solange noch solche Kommentare in Hülle und Fülle existieren, sind wir noch weit entfernt von jeglicher Modernität.
Hier noch ein paar interessante Links, mit den teilweise angesprochenen Themen:
Naomi Alderman über Sci Fi-Literatur und Feminismus (The Guardian)
Spiegel Rezension (Rezension gelungen- aber besonders lesenswert: Die Kommentare)
Zahlen (Frauen gegen Gewalt) und Zahlen – 30 bis 40 % (Tagesschau)
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