[Rezension] Die Frauen von Algier – Assia Djebar

Assia Djebar - Die Frauen von Algier

Für meine Frauen-Lese-Challenge habe ich mir dieses Mal ein Buch herausgesucht, was mit einem Nicht-Westlichen Hintergrund geschrieben wurde.

Assia Djebar hat „Die Frauen von Algier: Erzählungen*“ bereits 1980 geschrieben und stützt sich auf das Algerien der späten 50er bis 70er Jahre. Das Buch beruht auf ihren eigenen Beobachtungen und Erfahrungen. Einen Roman über algerische Frauen zu lesen, war für mich sehr interessant. Es ist auch das einzige Buch einer algerischen Autorin, welches mir einfällt- zumindest auf Deutsch. Wer jetzt aber nette orientalische Geschichten erwartet, den muss ich leider enttäuschen, denn dieses Buch ist ziemlich heftig in seiner Intensität.

Hintergrund:

Algerien wurde im letzten Jahrhundert durch mehrere schwere Kriege geprägt. Da ist zum einen die lange französische Kolonialherrschaft, die im algerische Unabhängigkeitskrieg mündete, die tiefe Narben in der algerischen Bevölkerung hinterlassen hat und der später herrschende Bürgerkrieg in den 90ern. Diese Informationen sollte man bei jeder Lektüre über Algerien auf jeden Fall im Hinterkopf haben, denn im Gegensatz zu anderen Ländern, die nach dem zweiten Weltkrieg und der Unabhängigkeit relativ stabil blieben, litt Algerien Jahrzehnte unter Krieg und Instabilität. Somit haben diese Erlebnisse natürlich das Land geprägt und mehrere Generationen haben unter Gewaltherrschaften gelitten. Während die älteren Generationen den Algierienkrieg mit Frankreich erlebten (1950 bis 1962), wo Frankreich Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen begangen hat, erlebte die junge Generation dafür den algerischen Bürgerkrieg, welcher 1991 begann und bis in die 2000er stark ausgeprägt war und bis heute in abgelegenen Regionen weiterbrodelt.

Ich finde dieser kleine geschichtliche Exkurs, ist wichtig beim Verständnis der Lektüre, die nämlich genau in der Zeit dazwischen angesiedelt ist. Das Buch ist geprägt von alten Wunden und Erfahrungen aus dem Unabhängigkeitskrieg und der algerischen Kultur. Das Augenmerk liegt vor allem auf den Frauen und wir lernen in mehreren Erzählungen verschiedene Frauen und ihre Leben kennen.

Frauen im Krieg und danach:

Das Buch besteht aus zwei Teilen: Heute und Gestern, die jeweils Erzählungen von Frauen nach dem Krieg und während des Krieges enthalten.

Die Erinnerungen der Figuren wirken an manchen Stellen, fast wie Halluzinationen. Träume, Fieberwahn, traumatische Erinnerungen und Klagelieder werden in den Erzählungen verwoben. Der Stil ist ganz anders, als man es gewöhnt ist.

„Wo seid ihr, Feuerträgerinnen, ihr meine Schwestern, die ihr die Stadt hättet befreien müssen“ (Assia Djebar: Die Frauen von Algier, S.65)

Immer steht die Frau im Mittelpunkt: Frauen zwischen idealisierten Frauenkörpern, dem Traum des Orients und Folter, Vergewaltigung und Widerstand. Das Buch ist sicher keine Unterhaltungslektüre und liegt schwer im Magen. Nachts lag ich noch wach um über die Sätze und Erfahrungen dieser Frauen nachzudenken. Manche Sätze musste ich mehrfach lesen und fand darin mehrere Bedeutungsebenen.

Es ist auch eines der wenigen Bücher, welches sich explizit den weiblichen Erfahrungen des Krieges widmet. Bücher über den Krieg, das bedeutet meist Geschichten von Sieg und Niederlage, Geschichten von Soldaten, von Männern und ihren Schicksalen. Doch selten wird das Schicksal der Frauen im Krieg thematisiert. Frauen schweigen auch sehr oft über ihre Erfahrungen, doch hier nicht.

„Und jene Frauen, die schließlich am Leben geblieben sind, wie es so schön heißt, die vergitterte Gefängnisse durchlebt haben, dann die Käfige der Erinnerung, dann…(sie weint) dann wie ich die Fieberphantasien […] -sind sie wirklich am Leben geblieben?“ (Assia Djebar: Die Frauen von Algier, S.66)

Worte und Sprache, unverschleiert:

Auch die Frauenkörper nehmen einen großen Teil der Auseinandersetzung ein, Einblicke ins Hamam, verschleiert, unverschleiert. Und am Ende habe ich jedoch das Gefühl, dass es gar nicht um den Schleier an sich geht, sondern in diesem Zusammenhang ein Sinnbild dafür ist, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten und ablegen zu können und endlich wieder klar zu sehen und zu leben.

Dieses Buch hat eine ganz besondere Art zu erzählen, fast schon als würde die Autorin diese Geschichten über die algerischen Frauen, nur mir erzählen.  Als sitze sie in meinem Raum und bringt mir Vertrauen, Schwesterlichkeit und eine Offenheit entgegen, wie man sie nur unter Frauen vorfinden kann. Es sind Geschichten von Frauen für Frauen, die nach meinem Empfinden sehr intim und weiblich erzählt sind und all die schrecklichen Erfahrungen und Traumata in Worte fasst, die man kaum in Worte fassen kann.

„Ich sehe für uns keinen anderen Ausweg als eine solche Begegnung: eine Frau, sie sich vor einer anderen, sie aufmerksam beobachtet, ausspricht. Die Sprechende- erzählt sie von der anderen mit den glühenden Augen, den düsteren Erinnerungen, oder beschreibt sie ihre eigene Nacht, mit Worten wie Fackeln oder Kerzen, deren Wachs zu schnell schmilzt?  (Assia Djebar: Die Frauen von Algier, Seite 69)

Zusammenfassung

TitelDie Frauen von Algier: Erzählungen*

Autorin:  Assia Djebar

Herausgeber: Fischer

Erschienen: 2011 (erstmals in Deutsch: 1999)

Originalausgabe: erschienen 1980 in Französisch (Paris)

Besprochene Ausgabe: Taschenbuch  ISBN: 978-3-579-08534-0

Seitenzahl: 207

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