[Rezension] Autolyse Wien- Karin Peschka

Was bleibt wenn die Welt, die wir kennen untergeht oder sich aus den Angeln hebt? Autolyse Wien geht der Frage nach, wie es wohl wäre, wenn eine riesige Katastrophe eine ganze Stadt in Schutt und Asche legt. Dabei ist es für das Buch vollkommen nebensächlich, was genau diesen Untergang verursacht hat. Viel mehr geht es darum, was die einzelnen Überleben nun tun und wie sie sich mit diesen Ereignissen arrangieren.

In vielen kurzen Fragmenten, die oft nur einige Seiten lang sind, werden die verschiedensten Menschen vorgestellt und man lernt, wie sie mit der Katastrophe umgehen.

Autolyse- Selbstauflösung

Das Wort Autolyse scheint erst einmal ungewöhnlich für einen Roman-Titel. Bei näherer Betrachtung, merkt man jedoch, dass das Wort sehr passend und keinesfalls zufällig gewählt ist. Die Autolyse bezeichnet nämlich einen Verwesungsprozess und die eigene Auflösung von abgestorbenen Zellen. Metaphorisch gesehen, steht das für den Prozess, welcher nach der Zerstörung der Stadt eintritt. Ich muss jedoch zugeben, dass Autolyse Wien leider kein Buchtitel ist, der mich im Buchladen ansprechen würde. Aufmerksam geworden bin ich auf das Buch durch den österreichischen Buchpreis, wo das Buch auf der Longlist stand.

Außerdem hat Karin Peschka beim Bachmann-Wettbewerb den Publikumspreis gewonnen.

Wien von seiner hässlichsten Seite

Als Wienerin bin ich natürlich beim Lesen sehr aufmerksam.. Ich versuche die beschriebene Orte wiederzuerkennen und muss schmunzeln, wenn aus dem Graben, einer der luxuriösesten Flaniermeilen in Wien, tatsächlich ein echter Graben wird.

Das Karin Peschka ausgerechnet Wien für ihr Szenario gewählt hat, ist denke ich zumindest, kein Zufall. Man sagt der Stadt schon immer einen etwas morbiden Charakter nach. Der Zentralfriedhof als Ausflugsort (welcher übrigens neuerdings das Motto hat „hier liegen sie richtig“ – man kann den Wiener Humor und Umgang mit dem Tod gut erkennen.), Bestattungsmuseum, Kapuzinergruft etc. In Wien hat man viele Möglichkeiten sich an dem Tod zu erfreuen. Umso mehr wundert es mich, dass scheinbar sonst noch niemand von dieser Idee Gebrauch gemacht hat und Wien in ein apokalyptisches Schlachtfeld verwandelt hat.

Außerdem bildet Wien, wie kaum eine andere Stadt, einen solchen Kontrast zwischen Schönheit, ewigen Leben und Zerstörung. Allein von der Architektur her, fühlt man sich in der Stadt, als ob die Zeit stehen geblieben ist, irgendwo in der Habsburgermonarchie und dann plötzlich einen Sprung in die Moderne gemacht hat. Ein bisschen Dekadenz, ein bisschen träumerische Historie, ein bisschen Moderne und der typische Wiener Charakter. All das wird im Buch in sein Gegenteil verwandelt. Aus Überfluss wird Mangel, aus Schönheit wird Zerstörung und aus Träumerei bittere Realität.

Die Katastrophen sind weit weg

Trotzdem bleibt es ein Buch, an dem ich sehr lange gelesen habe, da es kein Roman ist und ein Spannungsaufbau mit den ganzen Fragmenten ausbleibt. Es ist ein Buch, in welchem ich meist nur ein paar Abschnitte lese und dann wieder zur Seite legt, ohne den Anschluss zu verpassen. Es ist ein düsteres Szenario, welches zur Abwechslung mal in unserer eigenen europäischen Stadt spielt. Anstatt die Zerstörung und das Leid in den Nachrichten abgestumpft zu verfolgen, regt es hier zum Nachdenken an, da es in unsere eigene Wirklichkeit versetzt wird. Solche Katastrophen- betreffen uns Europäer meist nicht, doch was wäre wenn?

Zusammenfassung

Titel: Autolyse Wien

Autorin: Karin Peschka

Herausgeber: Verlag Otto Müller

Erschienen: 2017

Besprochene Ausgabe: Hardcover, ISBN 978-3701312535

Seitenzahl: 180

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