Rezension: Als wir träumten- Clemens Meyer

Einer meiner Lieblingsautoren, ist Clemens Meyer. Er schafft es auf imposante Weise meisterhaft mit Sprache umzugehen und dabei absolut tiefgründige Geschichten zu erzählen, die die Leser sprachlos zurücklassen. In „Als wir Träumten“ widmet er sich der Jugend in der Wendezeit in der DDR.

Eine orientierungslose Jugend in der Wendezeit Deutschlands

Klappentext: „Nach den Kinderspielen kommen die Kämpfe: Rico, Mark, Paul und Daniel wachsen auf im Leipzig der Nachwendejahre, zwischen Autoklau, Alkohol und Angst, zwischen Wut und Zerstörung. Jede Nacht ziehen sie durch die Straßen. Sie feiern, sie klauen, sie fahren ihr Leben gegen die Wand. Sie sind frei und dem Leben ausgeliefert. Mit direkter, wütender, sensibler und authentischer Stimme erzählt dieser Roman von dem Traum, dass irgendwo ein besseres Leben wartet.“

Clemens Meyer erzählt die Geschichte von einer Gruppe von Freunden, die im Leipzig der Wendezeit aufwachsen. Alle haben gemeinsam, dass sie durch die Wende, tiefgehende Veränderungen mitmachen und ihr Gleichgewicht verlieren. Sie kommen aus den unteren Schichten und gehören dem Milieu an, welches weder mit Geld, Arbeit oder Liebe gesegnet ist. Es geht um eine verlorene Jugend, die in einer Zeit voller Umbrüche aufwächst und orientierungslos zurückbleibt. Junge Menschen, die an sich Selbst zerbrechen und ihrer Wut Ausdruck verleihen.

Der Roman ist in der Ich-Perspektive erzählt und bedient sich Elementen der Jugendsprache. Die Hauptperson ist der Erzähler, welcher sich durch das Leben boxt. Die Sprache ist aufwühlend und hart, genauso wie die Geschehnisse. Schon auf den ersten Seiten geht es richtig zur Sache. Man erfährt von Schlägereien, der ersten Liebe und Drogen. Zwischendurch gibt es dann auch Episoden aus der DDR Zeit, die die Erinnerungen an die Kindheit zeigen.

Kein chronologisch netter Roman, sondern ein wildes, sprachlos machendes Buch.

Der Autor wechselt in der Erzählung zwischen den verschiedenen Ereignissen und erzählt nicht chronologisch, sondern wild durcheinander. Das passt auch wunderbar zu der wilden Story. Er schafft es meisterlich diese zeitlich durchmischten Episoden, im Gesamtwerk miteinander zu verknüpfen. Als Leser bleibt man dabei manchmal kurz auf der Strecke oder versteht Zusammenhänge erst später. Trotzdem passt das wunderbar zum Buch. Wir begleiten die Jugendlichen beim Erwachsen werden zwischen Kriminalität, Gewalt und dem Abstieg. Es ist eine düstere Geschichte, in der immer die Hoffnung mitschwingt, dass es irgendwann besser wird. Stattdessen wird es immer nur schlimmer. Man fragt sich unweigerlich, was der Autor von diesen Geschichten tatsächlich wohl miterlebt hat, denn so intensiv darüber zu schreiben, wie das hier der Fall ist, ist wohl fast unmöglich ohne Erfahrungswerte. Tatsächlich ist er sogar zu der beschriebenen Zeit in Leipzig aufgewachsen. Meyer zeichnet die Charaktere tief und genau. Er baut die Story bis ins winzigste Detail aus und zeigt die vielen Facetten seiner Geschichte. Wir erfahren nicht nur die Geschichte des Ich-Erzählers, sondern bekommen auch tiefe Einblicke in die Leben seiner Freunde und allen damit verbundenen Menschen.

Meyer schafft es nicht nur authentische Figuren zu zeichnen, sondern lässt sie auch abseits von Stereotypen leben. Gut und Böse verschwimmen. Die perspektivlosen Jugendlichen sind getrieben vom Leben und machen sich keinen großen Kopf um Moral oder Zukunft. Die Zukunft haben sie sowieso schon abgeschrieben. Die Realität ist beeinträchtigt vom Rausch. Hin und wieder korrigiert das erzählende Ich, die Version seiner Geschichte, so dass man manchmal nicht mehr weiß, welche Version nun die Richtige war.

Jugendliche am Rand der Gesellschaft, nicht nur zur Wendezeit ein Thema

Ich bin genau im Wende-Jahr geboren und meine Jugend in der Nach-Wende-Zeit, erlebte ich ungefähr 15 Jahre später, als die Charaktere im Buch, welche als Kinder noch die DDR bewusst miterlebt haben. Trotzdem kamen mir einige Sachen bekannt vor. Diese Orientierungslosigkeit blieb und zog sich weiter auch bis in meine Zeit. Ich träumte auch davon wegzugehen. Hauptsache weg. Wir erlebten diesen Umbruch indirekt, durch unsere Eltern, weniger gewaltsam und verstörend.

Wahrscheinlich hat es diese Kinder der Wendezeit aus den sozial schwachen Schichten, am meisten getroffen, die noch in der scheinbaren heilen Welt der DDR aufwuchsen und plötzlich, immer noch Kind, auf dem Weg zum Erwachsen-werden, plötzlich von Veränderungen und Zusammenbrüchen überschattet waren. Aber ganz abseits von dem gesellschaftlichen Rahmen, ist das Thema des Erwachsen-werdens in sozial schwachen Schichten, immer verknüpft mit potentiell schwierigen Geschichten. So ist diese Milieu Studie, wohl auch heute noch aktuell, wenn auch unter anderen Umständen. Es gibt sie leider überall versteckt im echten Leben, diese Geschichten ohne Happy End, die Jugendlichen ohne Perspektive, welche allein am Rand der Gesellschaft leben, sich selbst und der Zerstörung überlassen. Clemens Meyer zeigt, wie schnell und rasant der Weg immer weiter abwärts führt, in die Spirale aus Hass, Zerstörung, Drogen, Gewalt und Tod.

Verfilmung des Buches

Das das Buch sogar bereits als Film erschienen ist, ist total an mir vorbeigegangen. Da ich mich wenig für Fernsehen, Film oder Kino interessiere, habe ich gar nicht gemerkt, dass das Buch verfilmt wurde. Nach der kurzen Durchsicht des Trailers, kann ich sagen, dass es so aussieht, als ob es der Film natürlich nicht ganz schafft die vielen Gefühle und Gedanken einzufangen. Dies liegt wohl auch an der kräftigen Sprache des Autors, dessen gewaltig gewählte Wörter, im Film natürlich nicht rüberkommen. Ich empfehle darum jedem das Buch zu lesen, um in die Sprachgewalt des Buches einzutauchen.

 

Zusammenfassung

Titel: Als wir träumten: Roman*

Autor: Clemens Meyer

Verlag: S. Fischer Verlag

Erschienen: 2007

Seitenzahl: 528

Fazit: wortgewaltig, wild, düster, preisgekrönt

*Die Links, sowie Abbildungen, zu den Bücher enthalten Affiliate Links.

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