Literaturzeitschrift: Akzente 3/16 Europa

Akzente Europa

Akzente Europa 2

Die Akzente ist eine Literaturzeitschrift, welche 4 mal im Jahr erscheint. Sie wird vom Hanser Verlag herausgegeben und ist eine der bekanntesten Literaturzeitschriften. Jede Ausgabe steht unter einem bestimmten Motto. Dieses Mal war das Motto „Europa“.

Literatur ist mehr als nur Unterhaltung

Wer jedoch glaubt, es gehe hier vorwiegend um deutsche Sichtweisen, oder um die aktuelle Flüchtlingsdebatte, irrt. Es finden sich in der Zeitschrift ganz verschiedene Probleme und Perspektiven. Thematisiert wird das Verhältnis zwischen Osteuropa und Westeuropa, Abhängigkeiten und geschichtliche Vorkommnisse, die Europa geprägt haben, von Holocaust bis Diktatur. Das unausgeglichene Gefälle zwischen den einzelnen Ländern und auch das Miteinander und Gegeneinander wird erwähnt. Außerdem kommt Europas Platz in der Weltpolitik zur Sprache und es wird sich mit der „Festung Europa“ und dem eurozentrischen Blick auseinander gesetzt.

Literatur ist politisch

Ist Literatur politisch? Diese Frage verdient eigentlich einen eigenen Artikel. Aber nur soviel: Literatur war schon immer ein Mittel, die Stimme zu erheben und Menschen zum Nachdenken anzuregen. Diese Möglichkeit, die auch gar nicht so selbstverständlich ist, sollten wir auch nutzen. Ja, Literatur war schon immer politisch und von den aktuellen Ereignissen beeinflusst. Vielleicht bringen Umschwünge in der Welt auch erst neue Literaturformen hervor. Viele Brüche in der Literaturgeschichte gehen auch mit der tatsächlichen Geschichte einher. Die Literatur hat schon immer ein Abbild der Gesellschaft gemalt, in der Misstände, Hoffnungen und verschiedene Sichtweisen sichtbar wurden.

Auch Unterhaltungsliteratur ist immer von seiner Zeit gefärbt. So war die Unterhaltungsliteratur der DDR, ganz anders als unsere heutigen Bücher und in 50 Jahren, wird sie auch wieder anders sein, als heute, weil die Menschen sich wahrscheinlich wieder mit ganz anderen Themen und Umständen beschäftigen werden. Und das ist ja auch das spannende an der Literatur. In letzter Zeit gibt es wieder den Trend, dass Bücher offen über Politik sprechen oder einen belletristischen Rahmen zur Auseinandersetzung bieten. Diesen Trend begrüße ich auf jeden Fall, denn er ist auch notwendig, wenn wir die aktuellen Geschehnisse betrachten und verstehen wollen.

Eine Literarische und kritische Auseinandersetzung mit Europa

Die 19 Beiträge bilden eigentlich fast ein ganzes Buch. Diese Akzente Ausgabe ist auch viel dicker, als andere Ausgaben, die ich bereits in der Hand gehalten habe.  Es handelt sich darum auch um eine Sonderausgabe. Ich möchte nicht speziell auf jeden einzelnen Artikel eingehen, sondern kurz vorstellen, welche Texte mich besonders begeistert oder herausgefordert haben.

Die Texte sind ganz unterschiedlich gestaltet. Nicht alle Texte haben mir auch gefallen, manche fand ich zu sehr konstruiert und übertrieben, wie die Geschichte „Bärenfett“ mit Bären, Aids und Schleppern. Es fing erst ganz normal an und wurde dann immer absurder. Natürlich können wir uns denken, dass das Mittel der Übertreibung bewusst eingesetzt wurde um zu polarisieren und zum Nachdenken anzuregen: Wie weit würden Menschen gehen? Und wie absurd und lebensgefährlich sind die Methoden der Schlepper? Vielleicht ist dieser Ansatz auch gar nicht schlecht, aber mich konnte er leider nicht begeistern. Ich hätte lieber eine echte Auseinandersetzung mit dem Thema gelesen. Mir fallen da auf Anhieb einige Sachen ein, die weniger realitätsfern aber mindestens genauso grausam sind.

Sehr gut gefallen hat mir hingegen der Text „Ein Platz an der Sonne“ von Alek Propov, über zwei Männer am Schwarzen Meer. Den Text kann man übrigens auch in der Leseprobe lesen. Der Eine beobachtet auf der georgischen Seite den Sonnenuntergang und der Andere beobachtet auf der bulgarischen Seite, den Sonnenaufgang. Beide kennen sich nicht, der eine träumt von der Zukunft, den Chancen und vom europäischen Fortschritt, während der andere in Europa sich an die alten Zeiten zurückerinnert und sich nach der wilden Vergangenheit sehnt und eine Verbindung mit den Ahnen sucht, die noch das wahre Leben kannten, ohne Supermärkte und Fließbandarbeit. Beide idealisieren die Lebensweisen des jeweiligen Anderen, ohne es zu merken. Und vielleicht erklärt dieses Gefühl auch den nationalistischen Ruck in Europa. Jetzt nach dem wir das haben, was wir wollten, sehen wir, dass diese ganze Konsum- und Leistungsgesellschaft, gar nicht so erstrebenswert ist und sehnen uns wieder nach dem Ursprünglichen, Traditionellen und „echt Deutschen“.

Zwischen Ost und West, Zwischen Europa und der Welt, zwischen Privat und Politisch

Die Gedichte haben mir eher weniger gefallen, aber das liegt sicher daran, dass ich allgemein nicht so leicht von Gedichten zu überzeugen bin, außer sie haben eine wirklich wundervolle Poesie. Nur das etwas längere Gedicht (14 Seiten) „Hotel Europa“ von Nicoleta Esinencu hat mir sehr gut gefallen und ich war auch sprachlich sehr angetan davon. Es geht um Belarus, dessen Vergangenheit, Gegenwart und um den russischen und westlichen Einfluss. Interessant ist auch, dass die Autorin eigentlich in Moldavien geboren ist und bereits in den verschiedensten Ländern Europas gearbeitet hat.  Aber genau darum geht es auch, in der Europa-Ausgabe, um dass sich hinwegsetzen über nationalstaatliche Grenzen. Einen Blick auf einen größeren Raum und einen größeren Zusammenhang zu werfen.

Dann gibt es auch noch Essays, die zum Teil verschiedene Gedankengänge wiedergeben, oder auch ein Essay, was die Verwendung von einem Flüchtlingsfoto in verschiedenen Kontexten analysiert. Stellvertretend für die Essays möchte ich kurz den Text „Der eindimensionale Europäer“ von Robert Menasse erwähnen, der übrigens auch einer der Herausgeber ist. Ich habe selten so eine gute und dichte Erklärung von derzeitig gesellschaftlichen Problemen und dem geschichtlichen Hintergrund gesehen. Der Autor macht Zusammenhänge sichtbar und regt zum Nachdenken an. Zentrale Thesen seiner Ausführungen sind, dass es keinen „guten“ Nationalismus gibt und die Idee eines homogenen Nationalstaates in Europa zu den beiden größten geschichtlichen Katastrophen, den Weltkriegen und den Holocaust geführt hat. Ein homogenes und durch Grenzen abgeschlossenes Volk, hat es in Europa nie gegeben. Besonders gut zeigt sich das auch an dem Nationalstolz von Österreich, dessen ganze Errungenschaften auf dem Habsburgerreich basieren, denn Österreich hat nie zuvor als kleines isoliertes Bergland existiert. Menschen die heute als „Tschuschen“ und Ausländer diskriminiert werden, waren früher ganz Selbstverständlich ein Teil von der riesigen Monarchie in Österreich. Am liebsten würde man den Text mal auf der Straße verteilen.

Ausblick

Was alle Texte gemeinsam haben, ist dass sie zum Nachdenken anregen und sich zur Auseinandersetzung anbieten. Nach jedem Text musste ich kurz inne halten und es kamen sehr viele Gedanken in mir hoch. Tatsächlich dachte ich, dass ich die Ausgabe an einem Tag durchlesen kann (hat ja nicht so viele Seiten). Ich habe dann aber doch ein paar Tage gebraucht, einfach weil ich alle paar Geschichten eine Pause zur Reflexion brauchte. Gerne hätte ich euch noch mehr Gedanken und Texte gezeigt. Was ich mir auch richtig gut vorstellen könnte, ist diese Ausgabe in einem Lesekreis zu besprechen. Ich bin mir sicher, dass Jeder irgendwie emotional von diesen Texten bewegt wird und die Texte auch ein bisschen anders wahrnimmt.  Die Texte schreien geradezu nach einer Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen.

Zusammenfassung

Titel: Akzente 3/2016 – Europa

Genre: Literaturzeitschrift

Erschienen: 08/2016

Besprochene Ausgabe: 3/2016 , ISBN: 978-3-446-25179-3

Seitenzahl: 139

Größe: ca. A5

Fazit: Herausfordernder Blick auf Europa

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3 thoughts on “Literaturzeitschrift: Akzente 3/16 Europa

  1. Danke für die schöne Zusammenfassung Anja 🙂

    Jetzt bin ich doch neugierig geworden auf eine Literaturzeitschrift. Ich habe noch nie bewusst eine gesehen. Wo bekommt man die denn?

    Lieber Gruß
    Verena

    1. Liebe Verena, die Akzente kannst du direkt beim Hanser Verlag bestellen, auch die alten Ausgaben. akzente-literaturzeitschrift.de Ansonsten werde ich später noch einen allgemeinen Artikel schreiben, was es sonst noch für Zeitschriften gibt. Im Normalfall kannst du die immer beim jeweiligen Verlag bestellen.

      Lg, Anja

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