[Kommentar] Der österreichische Buchpreis 2017

Der Herbst ist für mich Buchpreis-Zeit. Passend dazu, dass mittlerweile die ersten Blätter fallen, wurde die Longlist des österreichischen Buchpreises bekannt gegeben. Nachdem ich immer etwas argwöhnisch den deutschen Buchpreis beobachte, freue ich mich seit dem letzten Jahr besonders auf die heimische Buchpreis-Liste. Dieses Jahr wird der österreichische Buchpreis zum zweiten Mal vergeben. 10 Titel sind für die Longlist nominiert und 3 Titel für den Debütpreis. Im Gegensatz zum deutschen Buchpreis, finde ich die Liste auch dieses Jahr wieder etwas wagemutiger und durchmischter. Wie auch im letzten Jahr, möchte ich euch kurz an meinen ersten Eindrücken (beim Lesen des Klappentextes) teilhaben lassen.

Der österreichische Buchpreis- Longlist 2017:

Oswald Egger: Val Di Non


Das Buch erinnert mich an „Die Auswandernden“, welches ich letztes Jahr von der Longlist gelesen habe. Es verbindet komplexe Poesie mit Illustrationen. Was uns erwartet, kann man schlecht aus dem Klappentext herauslesen, aber auf jeden Fall wird es wohl wunderschön poetisch.

„Wie das wohl sein wird – gelebt zu haben, ohne gewesen zu sein“  Oswald Egger: Val Di Non

Brigitta Falkner: Strategien der Wirtsfindung


Hier verspricht der Klappentext eine Verschmelzung aus Poesie und Graphic Novel, mit Elementen der Naturkunde. Interessant. Ich finde es toll, dass der österreichische Buchpreis nicht nur reine Romane als Nominierungen zulässt. Solche poetische Mischformen finde ich ganz besonders ansprechend. In diesem Buch geht es übrigens um Parasiten – mal etwas ganz anderes.

Olga Flor: Klartraum


Ein Liebesroman im Zeitalter der Ökonomie, der Klappentext verspricht ein nüchternes und schmerzhaft klares Buch. Worum es genau geht, kann man dem Text kaum entnehmen. Ich bin aber neugierig geworden, welche Art von Story sich wohl hinter so einer Beschreibung versteckt. Das könnte richtig gut werden- einmal ganz abseits vom Liebeskitsch, oder aber das Buch enthält doch zu viel von der Nüchternheit und wird dann langweilig. Ich würde gerne herausfinden, welche der beiden Varianten der Fall ist.

Paulus Hochgatterer: Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war


Von Paulus Hochgatterrer habe ich letztens seinen Roman Wildwasser gelesen und war ziemlich angetan von seiner Sprache, die so perfekt konstruiert wirkt, als ob ein Architekt am Werke war. Hochgatterer schreibt kurz, auch dieses Buch hat nur 112 Seiten- aber er überlässt keinen Satz dem Zufall und seine Storys sind psychologisch absolut tiefgehend, was daran liegt, dass er Psychiater ist. Ich erwarte mir also auch viel von seinem neuem Buch.

Doris Knecht: Alles über Beziehungen


Ein erfolgreicher Mann um die 50, welcher seine Freizeit damit verbringt, mit vielen verschiedenen Frauen ins Bett zu gehen, obwohl er bereits eine Frau zu Hause hat- eine moderne Geschichte über Treue, Betrug und das Entlieben. Für mich wohl nicht unbedingt ein Buch was ich gelesen haben muss- mich spricht die Grundthematik nicht an. Sie wird aber wahrscheinlich (leider) gut unsere Gesellschaft in Beziehungsdingen abbilden.

Eva Menasse: Tiere für Fortgeschrittene


Mit Eva Menasse geht ein Erzählband an den Start, welcher verschiedene Geschichten enthält, denen zu Grunde liegt, dass sie Meldungen über Tiere enthalten. Diese eignen sich jedoch scheinbar perfekt, um über unsere eigene Gesellschaft zu erzählen. Eva Menasse spürt dabei tierischen Verhaltensmustern nach und bildet sie bei uns Menschen literarisch ab.

Interessant finde ich übrigens auch den Fakt, dass Eva Menasse die Halbschwester von Robert Menasse ist, welcher auch vertreten ist. Das literarische Talent scheint also in der Familie zu liegen. Der Vater der Beiden war aber nicht etwa ein berühmter Schriftsteller, wie man erwarten würde, sondern Fußballspieler im Nationalteam.

Robert Menasse: Die Hauptstadt


Robert Menasse ist dieses Jahr sowohl für den deutschen, als auch für den österreichischen Buchpreis nominiert. Ich glaube sogar, dass er gute Chancen hat. Sein Werk „Die Hauptstadt“ ist ein buntes Panorama der Gesellschaft, geschrieben mit viel gesellschaftlichen und geschichtlichen Einflüssen. Robert Menasse ist ein politischer Autor, der etwas zu sagen hat. Ein Autor, welcher nicht nur einfach eine nette Geschichte schreibt, sondern sich ganz genau der Macht der Sprache bewusst ist. Darum ist es sicher auch kein Zufall, dass sein Roman in Brüssel spielt- Brüssel, als Zentrum Europas. Man kann also viel Tiefgang und auch eine politisch-gesellschaftliche Ebene erwarten.

Karin Peschka: Autolyse Wien


In diesem Erzählband wird es dystopisch und düster- denn der Ausgangspunkt ist der Untergang von Wien. Es geht darum, einen neuen Blickwinkel einzunehmen, wenn das Ende da ist und Zerstörung nicht mehr in der Ferne liegt, sondern bereits in der eigenen Stadt stattgefunden hat- wie wird man leben, wie wird man damit umgehen? Was machen die Überlebenden und kann eine solche Realität normal werden? Hier geht es nicht um eine Fantasy-Dystopie, sondern um das Ausloten der Geschehnisse, falls uns tatsächlich eine solche Katastrophe ereignen würde. Das Buch macht mich auf jeden Fall neugierig. Welche Art von Katastrophe den Untergang der Stadt verschuldet hat, bleibt laut Klappentext unwichtig, im Mittelpunkt steht das Leben danach.

Doron Rabinovici: Die Außerirdischen


Dafür wird bei diesem Buch, die Art des „Weltuntergangs“ konkreter. Außerirdische haben laut den Medien, auf der Erde die Macht übernommen. Sie bringen jedoch Frieden und Aufschwung, keinen Untergang. Es könnte also ziemlich gut laufen, wäre da nur nicht, dass sie freiwillige Menschenopfer erwarten, oder sind das etwa nur Gerüchte? Denn die Außerirdischen meiden den Kontakt- gibt es sie überhaupt? Potentielle Freiwillige für die Opferung, sind jedoch schnell gefunden. Richtig gut ist der folgende Satz aus der Beschreibung:

 „Doron Rabinovici, […] erzählt […] von einer Gesellschaft, die keine Außerirdischen braucht, um sich selbst unheimlich zu werden.“ (Suhrkamp)

Vom Potential einer Massenhysterie durch die Medien, bin ich überzeugt. Darum scheint mir das ein Buch zu sein, welches wohl durch seine Satire besticht, aber am Ende wohl leider näher an der Wahrheit liegt, als es vielleicht beabsichtigt.

Franz Schuh: Fortuna. Aus dem Magazin des Glücks


Franz Schuh schreibt über das Glück- mal als Gedichte, mal als Fragmente, Erinnerungen oder kurze Geschichten. Mir gefällt die Vielfalt an Texten in diesem Buch. Im Thema Glück steckt natürlich einiges drin und ich bin gespannt aus welchen Blickwinkeln der Autor das Glück betrachtet. Ich finde ja, dass wir uns viel öfter glücklich schätzen sollten.

Shortlist für den Debütpreis:

Mascha Dabić: Reibungsverluste


Als ich das Buch gelesen habe, habe ich gleich gewusst, dass es auf der Debütpreis-Shotlist landen würde. Es passt einfach so perfekt. Hier findet ihr bereits meine Rezension. Es geht um das Spannungsverhältnis zwischen Sprache und Realität, vor dem Hintergrund des Dolmetschens im Flüchtlingsbereich. Die Autorin ist selbst Dolmetscherin und hat sich in diesem Buch mit ihrer Arbeit und den Grenzen von Sprache und dem Übersetzen beschäftigt.

Irene Diwiak: Liebwies


Irene Diwiak schreibt eine Geschichte über Ruhm und Glanz, in den goldenen 20ern. Da ich sehr viele Bücher von weiblichen Autorinnen der Zwischenkriegszeit gelesen habe, sind meine Erwartungen wahrscheinlich ziemlich hoch. Ich bin gespannt ob der Autorin die Auseinandersetzung mit dieser Epoche gelingt. Ansonsten empfehle ich auch ruhig einen Blick auf die damaligen Autorinnen, die leider kaum bekannt und in Vergessenheit geraten sind. (zb. Mela Hartwig, Marta Karlweis, Maria Lazar etc. Ganz viele Bücher von Autorinnen zu dieser Zeit sind auch im Aviva Verlag zu finden)

Nava Ebrahimi: Sechzehn Wörter


Als ihre Großmutter stirbt, fliegt die 34-jährige Mona zusammen mit ihrer Mutter in den Iran. Es beginnt die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und Herkunft. Wahrscheinlich gibt es auch eine Verknüpfung von den drei Generationen und deren unterschiedlichen Hintergründen und Herangehensweisen an ihre Identität, das würde sich auf jeden Fall für dieses Szenario anbieten.

Mein kleines persönliches Fazit:

3 von 3 Frauen auf der Debütpreis-Shortlist und 5 Frauen von insgesamt 10 Nominierungen auf der Longlist – da beim deutschen Buchpreis jedes Jahr über die geringe Frauenquote diskutiert wird, kann man nur sagen, dass der österreichische Buchpreis dieses Jahr die Quote mehr als erfüllt hat. Sie sind sogar in der Überzahl vertreten, was ich auf jeden Fall begrüße.

Als heiße Kandidaten für den Sieg, würde ich auf dem ersten Blick jedoch Robert Menasse und Paulus Hochgatterer sehen, weil sie bereits in der Vergangenheit gezeigt haben, zu welch anspruchsvoller Auseinandersetzung sie in ihrer Literatur fähig sind und die noch dazu eine hohe stilisierte Sprache verwenden.

Ansonsten gefällt mir die Longlist ausgesprochen gut. Der österreichische Buchpreis ist auf jeden Fall für mich spannender als dessen deutsches Pendant. Ich kann mich kaum entscheiden, welche der Bücher ich lesen möchte. Mich spricht auf jeden Fall die Mehrheit an, aber alle zu lesen, werde ich definitiv nicht schaffen. Zur Entscheidungshilfe werde ich mir auf jeden Fall in den nächsten Tagen noch die Leseproben holen.

Habt ihr schon ein Buch von der Liste gelesen? Ist der österreichische Buchpreis überhaupt interessant für euch?

 

*Bilder zu den Büchern enthalten Affiliate-Links
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4 thoughts on “[Kommentar] Der österreichische Buchpreis 2017

    1. Ja die deutsche Liste gefällt mir dieses Jahr viel besser, als letztes Jahr. Ich werde versuchen von beiden Listen etwas zu lesen.
      Liebe Grüße, Anja

  1. Das Buch von Paulus Hochgatterer habe ich gelesen und es hat einen tiefen Eindruck hinterlassen. „Die Außerirdischen“ von Doron Rabinovici ist gerade „in Arbeit“. Der eine oder andere Kandidat steht auf der Liste. Der Buchpreis ist ein Anhaltspunkt, was sich literarisch in Österreich gerade tut und eine gute Entscheidungshilfe. Danke für deine Übersicht!

    1. Die Außerirdischen möchte ich auf jeden Fall auch lesen. Für mich persönlich ist es das interessanteste Buch von der Liste. Hochgatterer und Menasse würde ich natürlich auch gern lesen, falls ich dazu Zeit finden.
      Österreich ist gerade ziemlich gut dabei, was die Literatur betrifft, wie man auch am deutschen Buchpreis erkennen kann.

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